30 Jahre Ringlokschuppen: Feier mit Tanz, Träumerei und – Party
Drei Jahrzehnte Ringlokschuppen: Das feiert das Mülheimer Zentralgestirn der freien Kulturszene nachdenklich, träumerisch, tänzerisch und – natürlich auch – mit Party.

Drei Tage, vom 26. bis zum 28. September feiert der Ringlokschuppen Ruhr die Eröffnung der neuen Spielzeit, die gleichzeitig auch sein 30-jähriges Bestehen markiert. Versprochen wird unter dem Motto “WIRzusammen! – Von Chören, Schwärmen und der Kunst des Kollektiven” ein buntes Programm aus Performances, Mitmach-Formaten und Partys, das den Bogen von der eigenen Vergangenheit über die Gegenwart hin zur Zukunft spannt.
Deutlich wird das direkt beim Auftakt am 26. September, wenn Marte Górnicka gemeinsam mit Performerinnen und Performern der Szenischen Forschung der Ruhr-Uni Bochum “Future Noise” inszeniert. Górnicka, die zu den wichtigsten Stimmen des politischen Theaters in Europa zählt, hat gemeinsam mit Studierenden eine Sprechchor-Performance entwickelt, die von den Biografien der jungen Performenden ausgehend fragt: Wie können wir heute Widerstand organisieren, um demokratische Werte zu verteidigen? Ist Zukunft noch denkbar – oder müssen wir sie neu erfinden? "Future Noise ist laut, präzise, politisch – und macht den Chor zum unüberhörbaren Statement”, so Sebastian Brohn, der Dramaturg am Ringlokschuppen Ruhr.
Mit diesem Eröffnungsstück knüpft der Ringlokschuppen auch an die enge Verbindung zur Ruhr-Universität Bochum an, aus der bereits vor 30 Jahren wichtige Impulse für die freie Szene in NRW hervorgingen.
Viele Impulse für die Szene
Auch für den zweiten Programmpunkt kommen alte Bekannte des Hauses zurück nach Mülheim. Seit 2017 pflegt die Bonner Tanzkompanie CocoonDance enge Kontakte nach Mülheim. Mit ihrem neuen Bühnenstück “Choreia – ein Polyballett” laden sie am 26. und am 27. September um 20.30 Uhr dazu ein, den Raum zwischen Bühne und Publikum neu zu erfahren. Alle Interessierten können bereits um 20 Uhr an einer praktischen Einführung mit Choreografin Rafaële Giovanola teilnehmen. In “Choreia”, was die gleichberechtigte Praxis von Gesang, Sprache und Tanz im Chor bezeichnet, wird der Tanz daher nicht mehr nur als stumme Verkörperung verstanden: Die Stimme kehrt zurück.
Der erste Tag endet so, wie das Haus Ringlokschuppen-Fans der ersten Stunde in Erinnerung ist: mit einer Party. Die “Grenzenlos Disco”, die älteste Veranstaltung im Haus, geht direkt in die “Geburtstagsparty” über – barrierefrei und inklusiv. Für den Sound sorgt The Electric Taste: Erst zum Mitmachen und Mitsingen beim Karaoke, später dann mit einem House- und Melodic-Techno-Set.

Am Samstag geht es zunächst hinaus in die Stadt. Die Gruppen LIGNA und Avant Scène verbinden in einer simultanen Stadtbegehung via Video-Telefonie Mülheim und Yaoundé, die Hauptstadt Kameruns, miteinander. Mit Eindrücken der jeweils anderen Stadt bewegen sich die Gruppen parallel auf zwei Kontinenten durch Straßen, Plätze und Flussufer – und lassen so Fremdes und Vertrautes ineinanderfließen.
Die Spaziergänge thematisieren koloniale Geschichte, globale Handelsströme, Klimakrise und Migrationspolitik. Eisenbahnschienen, Flüsse und städtische Knotenpunkte werden zu Spiegeln gesellschaftlicher Verhältnisse und verbinden persönliche Erlebnisse mit universellen Fragen. Auf diese Weise entsteht eine gemeinsame, geteilte Erfahrung über globale Verflechtungen, Macht, Erinnerung und darüber, wie Stadt als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse lesbar wird.
Im Mitmach-Panel “Tischgespräche” kommen anschließend interessierte Besucherinnen und Besucher an Stehtischen bei kleinen Snacks zusammen, um sich über Kunst, Gesellschaft und persönliche Perspektiven auszutauschen. Persönliche Erfahrungen treffen auf politische Diskussionen, alle entscheiden selbst darüber, ob sie mitspielen, zuhören oder welche Rolle sie einnehmen wollen. Ein interaktives Format, das Begegnung, Austausch und Reflexion verbindet.
Schlafkonzert mit Video und Musik
Der zweite Tag endet ab 22 Uhr mit einem Schlafkonzert des Mülheimer Ambientmusikers rsn und des Licht- und Videokünstlers Robin Moedder. Mit Musik, Licht und Video reagieren sie spontan auf Körper und Stimmung, während das Publikum gemeinsam liegen, hören, schlafen und träumen kann. Am Morgen gibt es frische Croissants und Kaffee für die temporäre Träumergemeinschaft, bevor es am Sonntagnachmittag auf eine weitere deutsch-afrikanische Stadtbegehung geht.
Der Ringlokschuppen, eines der wenigen erhaltenen baulichen Ensembles dieser Art, wurde 1995 aus städtischer Hand an die freie Kultur-Szene übergeben. Dafür hatten sich bereits in den Jahren zuvor viele Kulturschaffende und Vertreter der Stadtgesellschaft eingesetzt. Seitdem wirkt er in Mülheim an der Ruhr als freies Kulturzentrum und als Experimentallabor für die Kulturszene. Über die Jahre wandelte sich das Profil des Hauses immer wieder. Der Ringlokschuppen ist heute ein Produktionshaus für die freie Theater-, Tanz- & Performanceszene NRWs, ein Treffpunkt der Soziokultur und ein über die Stadt hinaus bekannter Ort für Comedy, Kabarett und Konzerte.