40 Jahre Bochum Total: Dann organisieren wir halt selbst etwas
Vor 40 Jahren hob Marcus Gloria gemeinsam mit Heri Reipöler das Musikfestival Bochum Total aus der Taufe – ohne zu ahnen, dass es ihn bis heute begleiten würde. Die Jubiläumsausgabe von Bochum Total ging in diesem Jahr vom 2. bis zum 5. Juli über die Bühne. Rechtzeitig zum Jubiläum kündigt Gloria einen Neustart an: Das Umsonst und draußen-Festival zieht vom Bermuda3Eck in den Westpark Bochum. Dem Standort in der Innenstadt ist das Festival im Laufe der Jahre buchstäblich entwachsen und längst auch an logistische Grenzen gestoßen. „Um Bochum Total weiterzuentwickeln, fehlt im Bermuda3eck der Platz“, so Gloria. Viele Aktionen, Ideen und Programmpunkte abseits der großen Bühnen ließen sich zuletzt kaum noch oder schon gar nicht mehr realisieren.
Bochum Total neu denken
Vom 1. bis zum 4. Juli 2027 dann also im Westpark: „Mitten im Grünen, auf offenem Gelände. Die Wege- und Zugangssituation wird logistisch deutlich weniger herausfordernd sein. Wir müssen nicht mehr die halbe City sperren. Bochum Total kann wieder atmen“, freut sich Marcus Gloria schon jetzt. Die Machbarkeit ist geprüft, ein erster Veranstaltungsplan steht und wird in den kommenden Monaten verfeinert. „Im Westpark eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten“, kündigt Gloria an. „Wir werden ein modernes, smartes Bühnenkonzept fahren, unter anderem mit einer Tomorrow-Bühne und anderen neuen Elementen.“ Schon jetzt fest eingeplant ist genügend Platz zum Runterkommen zwischen den Konzerten.
Zur erfolgreichen Jubiläumsausgabe hat der cooltour-bochum-Geschäftsführer im KIR-Interview nochmal einen Blick zurück geworfen.

1986 fand die erste Ausgabe der Bochum Total statt – wie kam es zu der Idee?
Heri Reipöler und ich waren damals beide Anfang 20, spielten in Bands und wollten Rockstars werden. Wir ärgerten uns, dass es keine Auftritts-Möglichkeiten für uns gab. Das Altstadtfest in Hattingen oder das Bochumer Maiabendfest waren keine Anlässe, wo man als aufstrebende junge Rock- und Pop-Band auftreten konnte. Also dachten wir uns: Dann organisieren wir eben selbst etwas.
Wie habt ihr dann die erste Ausgabe der Bochum Total auf die Beine gestellt?
Natürlich hatten wir überhaupt keine Ahnung von Veranstaltungsmanagement. Wir wussten nur: Wir brauchen eine Bühne, eine PA-Anlage, ein bisschen Licht und den richtigen Ort. Die Location war schnell klar: Es musste das Bermuda3eck sein, denn in den Kneipen, die es dort damals schon gab, traf sich die Szene. Wir sprachen mit Hinz und Kunz und fanden schnell Leute, die uns unterstützten. Wir liehen eine Bühne bei den Ruhrfestspielen und eine andere von der Ruhrlandhalle, dem heutigen Ruhrkongress. Peter Schneller, der damalige Leiter des Bochumer Jugendamts, fuhr den LKW. Wir sprachen Kumpels an, die Musik machten, und letztlich haben dann wirklich viele Bands aus Bochum und Umgebung mitgemacht. Danach war gleich klar: Das machen wir nächstes Jahr wieder. Und noch viel besser.

Habt ihr auch nur geahnt, dass daraus ein so langlebiges Festival wird?
Niemals. Hätte mir jemand gesagt, dass ich das in 40 Jahren noch mache, hätte ich entgegnet: Hast du ne Macke? Tatsächlich ist Bochum Total aber ziemlich schnell gewachsen, zumal wirklich viele Leute richtig cool fanden, was wir auf die Beine gestellt hatten. Es gab damals zwar schon ein paar große Festivals, aber in der Stadt, umsonst und draußen – das war deutschlandweit noch ziemlich einzigartig.
Was sind Ereignisse aus 40 Jahren Bochum Total, an die du dich besonders lebhaft erinnerst?
Wir hatten viele fantastische Erlebnisse. Zu etlichen der über 2.000 Bands, die bei Bochum Total aufgetreten sind, könnte ich Geschichten erzählen. Ein besonderes Highlight für mich war 2016 der Auftritt von Culcha Candela, die damals mit „Wann dann?“ einen Sommerhit gelandet hatten. Nach dem Konzert belagerten an die 500 Fans den Backstage-Bereich und wir fragten uns, wie wir die Band zum Hotel kriegen sollten. Schließlich brachten wir sie im Rettungswagen mit Blaulicht dorthin. Sie haben das total gefeiert und unterwegs noch ein Lied gesungen.
Gern erinnere ich mich auch an einen Auftritt der Kassierer. Die waren noch ziemlich unbekannt, als sie auf der Bühne in der Brüderstraße auftraten, direkt vor einer Schlagerkneipe. Frontmann Wölfi zog sich auf der Bühne aus und da ist den Gästen der Schlagerkneipe alles aus dem Gesicht gefallen. Viele haben den Auftritt aber auch total gefeiert. Es ist schön zu sehen, wie völlig unterschiedliche Musik-Szenen aufeinandertreffen und Aha-Erlebnisse haben. Das ist bei Bochum Total anders als bei spartenbezogenen Festivals. Wir sind ein Festival der Begegnungen.

Gibt es noch ein Highlight, von dem du erzählen möchest?
Im März 2011 hatten wir einen noch völlig unbekannten jungen Musiker gebucht, der dann plötzlich die deutschen Charts anführte, als Bochum Total stattfand: Casper. Viele junge Mädchen standen schon Stunden vor dem Konzert vorn an Bühne, haben sich da nicht mehr wegbewegt und waren bis zum Abend teilweise total dehydriert, obwohl wir Wasser ausgegeben haben. Als die Band endlich auftrat, sind gleich ein paar der Mädchen umgefallen und mussten backstage gebracht werden. Die sind dann extra länger auf der Bahre liegengeblieben, um darauf zu warten, dass Casper von der Bühne in den Backstage-Bereich kommt. Wir hatten ohnehin immer schon ein Händchen dafür, Künstlerinnen und Künstler zu buchen, die wenig später durch die Decke gingen. Frida Gold, Clueso, H-Blockx, The BossHoss, Die Happy, Wir sind Helden, Silbermond, Seeed oder im letzten Jahr zum Beispiel Zartmann.
Was hat sich in den letzten 40 Jahren geändert am Festival?
Die Rahmenbedingungen. Als wir 1986 anfingen, hatten wir nicht einmal eine Website. Es gab kein Internet und die Telefone hatten noch geringelte Schnüre. Internet und soziale Medien haben die Kommunikation mittlerweile maßgeblich verändert. Früher wurde vielleicht mal ein Leserbrief an die WAZ geschrieben. Heute kann sich jeder jederzeit zu allem äußern. Das ist gut so, macht die Arbeit aber komplizierter. Und die Auflagen sind viel mehr geworden. Ein Wunder, dass das Festival trotzdem weiter stattfinden kann. In den Anfangsjahren gab es kaum Verordnungen für Veranstaltungen wie unsere und keine Terrorabwehrmaßnahmen. Wir konnten viel mehr selbst am Festival teilnehmen. Heute sitze ich gefühlt dauernd in irgendwelchen Sicherheitskoordinationsgremien. Wir leben in schwierigen Zeiten.

Hast du je daran gedacht, das ganze Festival an den Nagel zu hängen?
Regelmäßig. Aber es bleibt ein wunderschöner Job. Wir machen als cooltour bochum noch eine ganze Reihe anderer Veranstaltungen in anderen Städten, schreiben auch Sicherheitskonzepte und organisieren alles Mögliche, was mit Festivalmanagement zu tun hat. Das macht einen Riesenspaß, wir haben immer mit netten Leuten und cooler Musik zu tun. Und am Ende hat sich eins über die Jahre nicht verändert: Es gibt immer noch Gitarren, Keyboards und Schlagzeuge. Es gibt immer noch Leute, die die Instrumente spielen. Und es gibt nichts Ehrlicheres und Wahrhaftigeres als ein Live-Konzert mit echten Künstlerinnen und Künstlern.

Und auf welche Bands freust du dich besonders in diesem Jahr?
Eigentlich möchte ich da gar keine rauspicken. Ganz persönlich freue ich mich auf Mambo Kurt, weil ich den Typen einfach immer wieder geil finde, und auf Jupiter Jones, die in diesem Jahr wieder in der alten Besetzung unterwegs sind – das ist 100 Prozent meine Musik. Aber es gibt auch in diesem Jahr wieder eine Menge neuer Künstlerinnen und Künstler, auf die ich schon echt gespannt bin.
Das Gespräch führte Sarah Meyer-Dietrich