Freiheit für die Kunst: Wie die Spraybanane von Rheinberg aus die Welt bereiste
Kleine Südfrucht, große Karriere: Vor 40 Jahren startete in Rheinberg, im äußersten Westen des Ruhrgebiets, die Geschichte der gesprayten Banane. Der Künstler Thomas Baumgärtel machte sie als Symbol für ausgezeichnete Kunstorte zum Kult-Objekt.

Alles begann mit einer Frühstücksbanane: Während seines Zivildienstes im Krankenhaus seiner Heimatstadt Rheinberg (Kreis Wesel) Anfang der 1980er Jahre ersetzte Baumgärtel kurzerhand eine von der Wand gefallene Jesus-Figur durch seinen Snack – eigentlich ein kleiner Skandal in der kirchlichen Einrichtung. Nicht alle konnten darüber schmunzeln, aber doch viele. Und so fiel an diesem Tag bei Thomas Baumgärtel die Entscheidung gegen das vom Vater erhoffe Medizinstudium. Stattdessen wurden es die Studiengänge Kunst und Psychologie. „Das war eine tolle Kombination. Ich habe beim Psychologiestudium oft mehr über Kunst gelernt als im Kunststudium selbst“, meint Baumgärtel rückblickend. „Das ist das Paradoxe daran.“

In den folgenden Jahren ließ die Banane ihn nicht los. Er begann, mit der Schablonen-Sprühtechnik zu experimentieren und Galerien damit zu markieren. „Ich kannte die Schablonentechnik aus Paris und wollte das ausprobieren. Gleichzeitig wollte ich das nicht planlos machen“, erinnert sich der Künstler. „Durch mein Psychologiestudium war ich sehr an Methoden interessiert. Die Banane wurde für mich so etwas wie ein Projektions-Test. Die Reaktionen der Galeristen haben mir viel über sie verraten. Das funktioniert bis heute.“ Die ersten Bananen kamen in einer Nacht des Jahres 1986 an die Wände mehrerer Galerien. Als Symbol für einen besonderen Kunstort. Und als Zeichen der Freiheit der Kunst.
Frühe Streetart
Denn das ist die Banane für Baumgärtel: ein Symbol der Freiheit: „Die Banane hat ja auch eine eigene Geschichte, das wissen die Wenigsten. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Konrad Adenauer durchgesetzt, dass Westdeutschland zollfrei Bananen importieren konnte. Deshalb gab es hier so viele – während sie in der DDR fehlten. Ich habe die Banane schon ab 1986 als Symbol der Freiheit gesehen. Mit dem Mauerfall wurde sie genau das.“
Was natürlich nicht hieß, dass der „Bananensprayer“ als Held gefeiert wurde. In den 80er und 90er Jahren, lange vor Banksy, war Graffiti eher Sachbeschädigung als Streetart. „Ich wurde angezeigt, verklagt – große Galerien haben gesagt: Das ist Schmiererei“, erinnert sich Baumgärtel. „Ein Galerist, Rudolf Zwirner, hat mich Jahre später bei einer Buchsignierung angeschrien:,Du Arschloch!‘ Und wissen Sie was? Das war das größte Kompliment. Kunst muss wirken – nicht gefallen.“

Die Banane entwickelte ihre eigene Dynamik. Irgendwann galt das Graffiti schließlich als Auszeichnung, wurde zum internationalen Phänomen. Als Baumgärtel 1995 in Moskau auf Spray-Tour gehen wollte, waren ihm einige GaleristInnen zuvorgekommen. Sie hatten sich die Banane selbst auf die Fassaden gesprüht oder gemalt. Bisher übrigens die einzigen „Fälschungen“, die der Bananenkünstler kennt. Da sei ihm das erste Mal bewusst geworden, dass die Banane weltweit zu einem Zeichen für gute Kunst geworden war.
Die Banane im Ruhrgebiet
Im Ruhrgebiet ziert das Graffiti ebenfalls zahlreiche Kunstorte: Zu sehen ist es unter anderem am Museum Folkwang in Essen, am Gasometer Oberhausen, am Museum Küppersmühle in Duisburg und an der Phoenix‑Halle in Dortmund. Insgesamt sind es rund 100 Orte, die meisten entstanden im Rahmen der Aktion „100 Bananen im Ruhrgebiet“, für die Baumgärtel zwischen 2008 und 2010 die Spraydose auspackte. Außerdem markierte er auch schon Kunstorte in Italien, den USA, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Tschechien, Belgien, Österreich … Eine Übersicht gibt es nicht, aber Thomas Baumgärtel hat jede einzelne Aktion für sich selbst fotografisch festgehalten.

Aktuell ist Baumgärtel auf großer Jubiläumstour. 40 Werkgruppen bringt er an 40 Ausstellungsorte am Niederrhein, eine dezentrale Schau nicht nur rund um die Banane. Zu sehen sind unterschiedlichste Arbeiten von Malerei über Grafik und Installation bis zu politischer Kunst. Verbindendes Motto aller Arbeiten ist die „Freiheit der Kunst“. Einer der Schwerpunkte liegt im Kreis Wesel, rund um seine Geburtsstadt Rheinberg. Und hier führt der thematische Faden natürlich zurück zur Spraybanane. So ist in der Kulturkneipe Schwarzer Adler, in der Thomas Baumgärtel seine erste Ausstellung präsentierte, die Werkgruppe „Schablonen“ zu sehen. Fischer’s Fotogalerie Rheinberg zeigt seine Fotoarbeiten.

Und das Rheinberger Rathaus führt unter dem etwas kryptischen Titel „Medizinischer Block“ zurück zu den Anfängen: Dort sind Arbeiten aus der Frühphase zu sehen, entstanden noch im Kontext des Zivildienstes im Katholischen Krankenhaus. Und da darf sie nicht fehlen – die gekreuzigte Banane. Wie man hört, hat sie hier schon wieder für Diskussionen gesorgt – sogar bis zum Vatikan soll die Kunde vom Ausstellungsstück schon gedrungen sein. Die Stadt habe mit der Präsentation Mut gezeigt, findet Thomas Baumgärtel. Und wartet gespannt auf eine Reaktion aus Rom. „Vielleicht wird ja in Rheinberg neue Religionsgeschichte geschrieben“, meint er augenzwinkernd. „Eine Reformation. Die Bananenreformation. Mal gucken.“
Jubiläumsausstellung
Thomas Baumgärtels Niederrheintour „Freiheit für die Kunst“ läuft noch bis Ende September an 40 Orten. Alle Ausstellungen und Termine im Ruhrgebiet stehen im kir-Kalender.