Bildwerwelten und Sammelfieber made in Wanne-Eickel
Na, wer erinnert sich noch an das Sammelfieber der Kindheit? Glitzernde Märchenwelten, ikonenhafte Helden, glänzende Disney-Figuren – Generationen eint die Jagd nach dem “einen” fehlenden Bild. Die Ausstellung “Bilderwelten – 150 Jahre Sammelbilder” im Heimatmuseum “Unser Fritz” in Herne ruft Erinnerungen wach und zeichnet den Siegeszug der bunten Bildchen nach − an dem übrigens eine Firma aus Wanne-Eickel nicht ganz unbeteiligt war …

Ein Marketing-Gag aus dem 19. Jahrhundert
Begonnen hat alles mit einer cleveren Werbeidee: Ende des 19. Jahrhunderts legte die Firma Liebig ihren Fleischextraktgläsern kleine Bildchen bei – detailreiche Lithografien, die mit Einführung der Alben eine regelrechte Sammelleidenschaft auslösten. Für seltene Serien wurden unter Sammlern bald Höchstpreise gezahlt, es gab sogar Fälschungen. “Einige Firmen beauftragten sogar bekannte Künstler, Vorlagen für die Bilder zu schaffen”, erzählt Ausstellungsmacher Dr. Joachim Wittkowski vom Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum. “Zum Beispiel lieferte der Maler Max Liebermann Vorlagen.” Firmen wie Stollwerck und Palmin oder auch Zigarettenhersteller griffen die Idee auf und verwandelten Alltagsprodukte in kleine Kulturträger.
Dr. Wittkowski und seine Studierenden liefern mit der Schau einen bunten Streifzug durch die Geschichte der Sammelbilder. Zu den Highlights zählen natürlich die “alten Schätzchen”, die noch kleine Kunstwerke waren: “Zum Teil sahen sie durch den aufwändigen Druck aus wie Fotografien”, so Wittkowski. “Um 1900 war das natürlich keine Fotografie, sondern eine besondere Art des lithografischen Drucks. Der lässt diesen Eindruck entstehen. Es gab auch Sammelbilder, die reliefartig gestaltet waren, so dass ein haptischer Eindruck hinzukam.”

Die Themen reichten von Märchen über exotische Tiere bis hin zu Technik und Sport – und nicht selten spiegelten sie den Zeitgeist: koloniale Weltbilder, patriotische Motive oder nationalsozialistische Propaganda. Die Ausstellung zeigt diesen weiten Bogen – von den zarten Glanzbildern der Jahrhundertwende bis zu den Panini-Stickern und modernen Serien von heute.
Schulze-Witteborg: Weltfirma aus Wanne-Eickel
Besonders stolz ist das Museum auf ein Stück lokaler Wirtschaftsgeschichte: den Graphischen Betrieb Schulze-Witteborg aus Wanne-Eickel. In den 1950er Jahren gehörte das Unternehmen zu den führenden Herstellern von Sammelbildern – und das weltweit. “Von Wanne-Eickel in die Welt – das war keine Übertreibung”, so Wittkowski. “Schulze-Witteborg belieferte große Marken mit Werbealben, bekam sogar Aufträge aus Belgien und Argentinien. Für eine belgische Serie reisten Naturfotografen eigens in den Kongo.”
Vor allem die Märchenalben aus dem Hause Schulze-Witteborg waren kleine Kunstwerke: farbenprächtige, teils reliefartig gestaltete Bilder, begleitet von liebevoll geschriebenen Texten – verfasst von der Frau des Firmengründers. Lithografisch aufwendig gestaltet wirkten die Sammelbilder fast wie Fotos.

Dass die Firma nur rund ein Jahrzehnt bestand, schmälert ihre Bedeutung nicht. Im Gegenteil: Ihre Produkte gingen in die ganze Welt, verschwanden dann lange Zeit aus dem öffentlichen Bewusstsein – und sind heute begehrte Sammlerstücke. So begehrt, dass sogar die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar in den letzten Jahren etliche Exemplare auf Auktionen erworben hat.
Ein kleines Sammelalbum für große Erinnerungen
Entstanden ist die Bilderwelten-Schau in Herne in Zusammenarbeit mit Studierenden der Ruhr-Universität Bochum, die sich im Rahmen einer Berufsfelderkundung ins Sammelfieber stürzten. Herausgekommen ist eine liebevoll gestaltete Ausstellung voller Aha-Momente und kleiner Zeitreisen für alle, die schon mal ein Päckchen Sticker aufgerissen haben.
Und das Beste: Die Besucherinnen und Besucher dürfen ein Stück Sammelleidenschaft gleich mit nach Hause nehmen – die Begleitbroschüre zur Ausstellung ist selbst ein kleines Sammelalbum, in das Sticker eingeklebt werden.
Die Ausstellung “Bilderwelten – 150 Jahre Sammelbilder” ist noch bis zum 8. Februar 2026 im Heimatmuseum Unser Fritz in Herne zu sehen.