Cute Community Radio: So viel mehr als ein Radiostudio
Als Guy Dermosessian das Cute Community Radio in Bochum gründete, ahnte er nicht, dass es für die migrantischen Communities und auch darüber hinaus so viel mehr werden würde als nur ein Radiostudio.

„Der Grundgedanke von Cute Community Radio war es, eine Plattform für marginalisierte Künstler:innen und Musiktraditionen zu schaffen, die im Mainstream sonst kaum Gehör finden“, erzählt Guy Dermosessian, der die Initiative 2023 gründete. Rund 15 Jahre hatte der libanesisch-deutsche Künstler, Kurator und Kulturschaffende zuvor in Clubs, leerstehenden Räumen und Kulturinstitutionen im Ruhrgebiet Konzerte und Veranstaltungen organisiert, ehe er sich entschied, das Internet als Raum zu nutzen. Dennoch brauchte es einen physischen Ort. Der zwölf Quadratmeter große Raum in der Herner Straße in Bochum, den Guy anmietete, war als reines Radiostudio gedacht. Doch es kam anders.
Vom Cute Community Radio zum Cute Community Space
„Schon bald stellte sich heraus, dass für die Künstler:innen nicht nur ein großer Bedarf an Repräsentation und Sichtbarkeit, sondern auch an analoger Begegnung und Vernetzung da war“, blickt Guy zurück. „Mittlerweile haben wir regelmäßige Öffnungszeiten für diverse Formate.“ Mittwochs gibt es im Raum, der zum Cute Community Space wurde, Workshops für Jugendliche und junge Erwachsene. Donnerstags sendet das Cute Community Radio zwischen 18 und 22 Uhr Beiträge von Konzerten über Lesungen bis hin zu Vorträgen. Das Leben in der Diaspora umrahmt als Klammer das Programm. Künstlerinnen und Künstler aus ganz Deutschland nutzen die große Reichweite: Etwa 400 Menschen verfolgen die Beiträge per Stream. An die 80 Gäste sind jeweils live vor Ort.

Je nach Art des Beitrags wird der Raum bestuhlt, mit Sitzsäcken ausgestattet oder auch ganz freigeräumt, wenn Platz zum Tanzen benötigt wird. „Der Space ist wie eine kleine Toolbox“, berichtet Guy. „Wir versuchen ihn jeweils so einzurichten, wie es zum Format passt.“
Raum für künstlerische Bedarfe und migrantische Ökonomien
Am Freitag wird der Space zum Cute Community Lab. In vorab gebuchten 90-Minuten-Slots nutzen Künstlerinnen und Künstler den Raum dann kostenlos für ihre jeweiligen Bedarfe, etwa um Musikvideos zu schneiden oder DJ-Sets aufzunehmen. Meistens ist das Lab schon zwei bis drei Monate im Voraus ausgebucht. „Die restlichen Wochentage übergeben wir den Space mit dem Cute Community Takeover an Kollektive, Künstler:innen oder Unternehmensgründer:innen ohne eigene Räumlichkeiten, um ihre Produkte und Arbeiten zu präsentieren“, sagt Guy. So wird über das gesamte Jahr verteilt die Vielfalt migrantischer Ökonomien sichtbar. Gefördert werden die Projekte durch das vom Regionalverband Ruhr umgesetzte Programm Kreativ.Quartiere Ruhr.

Das Radioprogramm hingegen musste in diesem Jahr komplett über Spenden finanziert werden. „Als klar wurde, dass die Förderung des Radioprogramms nicht fortgesetzt wird, haben viele Künstler:innen gesagt: Kein Problem. Das Radio ist unser Ort. Wir machen umsonst weiter“, sagt Guy. „Aber das wäre definitiv meine rote Linie gewesen. Künstlerische Arbeit muss bezahlte Arbeit sein.“
Überwältigt von der Gegenwart
Was Guy sich für die Zukunft wünscht? Schwer zu sagen. „Ich bin gerade so überwältigt von der Gegenwart. Das Migrant Futures Institute der Goldsmiths University of London hat ein Forschungsprojekt bewilligt, das uns als europäisches Vorzeigeprojekt begleiten soll. Mit unseren zwölf Quadratmetern in Bochum haben wir so eine Welle gemacht, dass sogar Forscher:innen aus London zu uns kommen.“ Überhaupt liegt eine spannende Zeit vor Guy: Ab dem 22. August liefert das Cute Community Radio das Club-Programm der Ruhrtriennale.

Für Oktober ist die internationale Konferenz AMPLIFY! am Schauspielhaus Bochum zum Thema Widerstand und Resilienz in der Diaspora geplant. Im nächsten Jahr wird Guy im Cute Community Radio ein Praxis-Seminar für das Institut für Medienwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum zu den Themen Countercultures und Community Radio halten. „Auch mit PACT Zollverein und dem Thalia Theater in Hamburg arbeiten wir zusammen. Es ist großartig, mit diesen Institutionen auf Augenhöhe über Ästhetik, Kunst und Community zu sprechen und ihre Wertschätzung zu erfahren.“
Zur Heimat geworden
Wertschätzung steht überhaupt im Zentrum von allem, was Guy auf die Beine stellt. Man spürt es schon an der Art, mit der er über die Menschen spricht – egal ob Künstlerinnen und Künstler oder die Leute aus der Nachbarschaft, für die der Space längst Heimat geworden ist. „Für viele Menschen hat es einen unheimlichen Impact, dass bei uns die Musik präsentiert wird, die sie sonst nur in ihren privaten Räumen hören“, beschreibt Guy. „Familien kommen her, um ihren Kindern zu zeigen, dass ihre kulturellen Praktiken Teil einer öffentlichen und pluralen Realität sind. Gerade Leute, die in erster Generation hierher emigriert oder noch nicht lange im Ruhrgebiet angekommen sind, sagen: Den Cute Community Space zu entdecken, bedeutete, zum ersten Mal zu sehen, dass es einen Ort für uns gibt.“ Damit sind die zwölf Quadratmeter an der Herner Straße so viel mehr als nur ein Radiostudio – und so viel mehr, als Guy sich jemals hätte träumen lassen.
Cute Community Radio goes Ruhrtriennale
Gemeinsam mit der Ruhrtriennale ist das Cute Community Radio in diesem Jahr Gastgeber der Partyreihe “Down the Rabbithole”. Die Clubabende laden dazu ein, gemeinsam zu tanzen und unterschiedliche Perspektiven zu zelebrieren. Fünf Partynächte sind im Rahmen des Ruhrtriennale-Programms geplant, jeder Abend steht unter einem anderen Motto. Den Anfang macht am 22. August “The Soul Diaries by MANDHLA”.