Die „Göttinnen“ am Musiktheater im Revier

Eine Cyber-Operette im Dreivierteltakt: Zwischen griechischem Olymp und digitaler Dystopie tanzt sich das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen in eine neue Ära der Cyber-Operette. „Göttinnen“ ist schrill, witzig, unbequem – und erstaunlich gegenwärtig.

Zeus ist tot – lang lebe die Party. Als sich der letzte Donnergott aus dem Pantheon verabschiedet, übernehmen drei, die lange genug im Schatten des patriarchalen Himmelsvaters standen, die Bühne: Hera, Athene und Aphrodite feiern ihre neue Unabhängigkeit mit Glitzer, Cocktails und – typisch Offenbach – einer gehörigen Portion Ironie.

Mit „Göttinnen“, einem Mix aus antikem Mythos und postdigitaler Revue, wagt sich das Musiktheater im Revier (MiR) an eine Operettenform, die es so noch nicht gab – eine „Cyber-Operette“, wie Regisseurin und Chefin des so genannten „MiR-Lab“ Nora Krahl sie nennt. Das klingt nach Gimmick, ist aber mehr: ein ebenso unterhaltsames wie scharfzüngiges Spiel mit Weiblichkeitsbildern, Technoglauben und der Sehnsucht nach echter Macht in einer Welt aus Daten und Dogmen.

Drei Göttinnen und ein Techno-Prophet

Das Personal ist denkbar bunt: Hera (Anke Sieloff) hält das Chaos der Neuordnung zusammen, Athene (Elia Cohen Weissert) will endlich wieder kämpfen – notfalls mit den Waffen einer Frau – und Aphrodite (Sonja Hebestadt), halb Sirene, halb Selbstoptimierungs-Influencerin, hat andere Pläne: Herzen brechen, Flirts gewinnen. Ihre Bühne: die Erde des 21. Jahrhunderts. Ihr Gegenspieler: AreX Tamp, ein Elon-Musk-Verschnitt in Goldmantel und mit Größenwahn im Blick (Henry Morales), der statt zum Mond lieber zur Super-KI aufsteigen möchte.

Die Handlung, so verspielt wie ambitioniert, folgt einer antiken Logik: Eine Wette zwischen Göttinnen, ein Menschenopfer (diesmal freiwillig), ein Verrat – und am Ende die Frage, ob sich weibliche Autonomie digitalisieren lässt, ohne zur Karikatur zu werden. Spoiler: Die Moiren, mythologische Schicksalsweberinnen, haben da noch ein Wörtchen mitzureden.

Operette trifft Techno-Mythos

Musikalisch stützt sich das Werk auf Altbekanntes: Jacques Offenbachs Bonmots, Paul Linckes Ohrwürmer – arrangiert von Roman Lemberg für ein kleinstes Kammerensemble mit Akkordeon, Synthesizer, Viola, Cello und Kontrabass. Die musikalische Leichtigkeit kontrastiert mit der inhaltlichen Schärfe – und das ist kein Zufall: Krahl nutzt die Operette als das, was sie ursprünglich war – ein Genre der Subversion mit dem Lächeln auf den Lippen.

Zwischen bonbonfarbenem Bühnenbild (Ausstattung: Amir Baltic), pinkem Raffvorhang, Glitzerpalmen und Glamour-Bar entfaltet sich eine Art postfeministische Weiberfastnacht. Die Frage, wer hier die Strippen zieht – Algorithmus oder Amor –, wird nicht eindeutig beantwortet. Stattdessen stellen sich Hera, Athene und Aphrodite selbstbewusst dem Spiel: Sie tanzen, verführen, täuschen – und hacken sich schließlich singend ins System zurück.

Theater mit Haltung, nicht nur Effekt

Trotz Cyber-Titel bleibt die Produktion analog. Die wenigen digitalen Elemente – Projektionen, Voiceover, ein KI-Modell namens A.T.H.E.N.E.X.A. – wirken charmant retro. Doch das macht den Reiz aus: „Göttinnen“ braucht keine Technik-Schau, um zu beeindrucken. Es sind die Performerinnen, die dieses Stück tragen. So wird aus einem vermeintlich leichten Musikabend eine Reflexion über Genderrollen, Götterbilder und den digitalen Erlöserwahn. Oder, um es in der Sprache der Operette zu sagen: „Heut’ flirtet die Zukunft mit der Antike – und das tut sie mit Haltung.“

Wiederaufnahme in der Spielzeit 25/26

Die Uraufführung mag vorbei sein, doch das letzte Wort haben die Göttinnen noch nicht gesprochen. Für den 21. und 28. September sowie den 10. Oktober sind weitere Vorstellungen geplant, bevor das Stück in der Spielzeit 25/26 erneut aufgenommen wird. Wer Hera, Athene und Aphrodite dabei erleben will, wie sie zwischen dem Olymp und der Cloud um die Weltherrschaft ringen, sollte sich diesen Termin notieren. Karten unter Telefon 0209 4097200 oder www.musiktheater-im-revier.de

Denn: Wenn Operette wieder politisch wird – und dabei so charmant wie klug – ist Gelsenkirchen nicht nur mythologisch, sondern auch theatralisch Zentrum der Welt.