Schaufenster und Archiv der Region

Seit dem 1. Juli 2026 leitet Dietmar Osses das Ruhr Museum auf dem Welterbe Zollverein. Der 60-Jährige folgt auf den langjährigen Direktor Prof. Heinrich Theodor Grütter. Der neue Direktor hat KIR drei Fragen beantwortet.

Der gebürtige Münsteraner Osses befasst sich seit Jahren intensiv mit dem Ruhrgebiet, seiner Alltagsgeschichte und seiner Industriekultur. Seit 2024 war er bereits stellvertretender Direktor und Leitung des Bereichs Ausstellungen des Ruhr Museums. Zuvor führte er das LVR-Industriemuseum Zinkfabrik Altenberg in Oberhausen und war langjähriger Leiter des LWL-Museums Zeche Hannover in Bochum. Als Ausstellungsmacher war er auch im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 aktiv.

Herr Osses, was bedeutet Ruhrgebietskultur für Sie?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. „Industriekultur“ ist ja auch so ein schillernder Begriff, bei dem scheinbar erstmal alle zustimmend nicken – und doch etwas ganz anderes darunter verstehen.

Ruhrgebietskultur ist daher für mich erst einmal ein Sammelbegriff für alle kulturellen Praktiken, die das Ruhrgebiet in Geschichte und Gegenwart hervorgebracht hat. Viele dieser als „typisch Ruhrgebiet“ geltenden Phänomene gibt es in ähnlicher Form auch anderswo, in Regionen, die von Industrie und Strukturwandel geprägt sind − wie etwa die Verbundenheit mit dem Bergbau, die Liebe zum Brieftaubensport oder die Leidenschaft für den Fußball. Das alles hat allerdings in der hoch verdichteten Region Ruhrgebiet eine besondere Prägung erhalten. 

Zur Ruhrgebietskultur zählt definitiv aber auch ein weit verzweigtes Netzwerk der freien Kulturszene, der Club-Szene, der Populärkultur, aber auch der Theater und Schauspielhäuser, die das Kulturleben prägen und bundesweit Beachtung finden. 

So richtig typisch Ruhrgebiet scheinen für mich tatsächlich die sprichwörtliche Offenheit der Menschen und die noch vorhandene sprachliche Tönung des „Ruhrhochdeutschen“ – das sind auch Prägungen der Ruhrgebietskultur.

Welche Aufgabe hat das Ruhr Museum Ihrem Verständnis bzw. Ihrer Definition nach?

Das Ruhr Museum versteht sich als Regionalmuseum des Ruhrgebiets. Mit seinen Ausstellungen und Sammlungen ist das Ruhr Museum also so etwas wie das Schaufenster und das Gedächtnis der Region. Eine wichtige Funktion kommt hinzu, die das Museum in Zukunft vielleicht noch stärker erfüllen kann: ein Raum zum Zueinander-Kommen, zum Austausch und Dialog sein. Denn das Museum ist zwar der Ort der Dinge, der originalen Objekte, die wir bewahren. Aber das alles ist ja von Menschen und für Menschen gemacht. Dem sollten wir mehr Raum geben.

Sie haben sich in Ihrer Laufbahn ja mit den unterschiedlichsten Ruhrgebietsthemen beschäftigt – von Migration über Fußball bis hin zu Eismanufakturen. Welches Thema möchten Sie unbedingt noch in den Blick nehmen?

Zusammenhalt! Gegenwärtig scheinen die verschiedenen Gruppen und Bubbles in unserer Gesellschaft immer mehr auseinander zu driften. Die Verständigung untereinander und das Verständnis füreinander scheint deutlich abzunehmen. Dabei galt das Ruhrgebiet doch lange als Musterbeispiel für Solidarität. Ist das alles wirklich so oder trügt der Schein? Das ist eine intensive Betrachtung und Diskussion wert. 

Sammlungsaufruf

Aktuell sucht das Ruhr Museum persönliche Geschichten und Objekte aus der Corona-Pandemie. Gefragt sind Gegenstände, Dokumente, Fotos und persönliche Geschichten aus der Zeit der Pandemie. Ausgewählte Objekte und Geschichten werden zudem im Frühjahr 2027 Teil einer neuen Sonderausstellung.