Nicht am seidenen Faden: Figurentheater made im Ruhrgebiet
Von der historischen Handpuppe bis zur Hightech-VR-Installation: Das Ruhrgebiet ist eine Hochburg des Figurentheaters. In Bochum nahm die internationale Erfolgsgeschichte ihren Anfang – und bis heute spielt das Ruhrgebiet auf der Puppenbühne ganz vorne mit.

Bochum – Wo alles ins Rollen kam
Dass Bochum auf der Landkarte des internationalen Figurentheaters eine fette Markierung trägt, ist Fritz Wortelmann zu verdanken. Der Theaterwissenschaftler aus dem Ruhrgebiet setzte sich schon seit der Gründung seiner eigenen Wanderbühne in den 1920er Jahren mit viel Kreativität, Engagement und Wissen dafür ein, Puppenspiel als eigenständige Kunstform zu etablieren – weg vom Image des reinen Jahrmarktspaßes. Mit dem internationalen Festival “Meister des Puppenspiels” 1958 – heute Fidena – bei dem damals schon ein Preis der Stadt Bochum für Laienpuppenspiel gestiftet wurde (heute Fritz-Wortelmann-Preis), und der Gründung des Deutschen Instituts für Puppenspiel (heute Deutsches Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst, kurz dfp) legte er das Fundament für eine Szene, die sich stetig entwickelt und in doppelter Hinsicht über den Tellerrand hinausblickt.

Denn Figurentheater bedeutet weit mehr als klassisches Handpuppenspiel. Es umfasst Marionetten, Objekte, Materialperformances, Masken, digitale Avatare und Mischformen, die mit Tanz, Schauspiel oder Bildender Kunst verschmelzen. "Im Kern geht es immer darum, Dingen Leben einzuhauchen, die eigentlich leblos sind", definiert Christofer Schmidt, Künstlerischer Leiter des dfp. Gerade darin liegt die enorme künstlerische Freiheit dieser Sparte. Grenzen spielen auch räumlich nur eine untergeordnete Rolle: Internationale Vernetzung ist selbstverständlich – und das Ruhrgebiet und sein Figurentheater sind auch im Ausland ein Begriff.
Forschung, Festival, Forschergeist
Dreh- und Angelpunkt ist das dfp in Bochum. Der Verein ist Interessenvertretung, Netzwerker und Förderer des Figuren- und Objekttheaters und noch so viel mehr: Veranstalter, Archiv, Museum, Forschungsresidenz, Gästehaus und Treffpunkt für Künstlerinnen und Künstler. In den Räumen des denkmalgeschützten Wasserturms verbirgt sich auch die einzige Figurentheater-Bibliothek in Deutschland außerhalb einer Hochschule. Eine einzigartige Anlaufstelle für alle, die sich mit dem Thema professionell befassen. Per Dokumentenservice reisen die benötigten Schriften als Scan in aller Herren Länder.

Vier Gästezimmer stehen für Arbeitsaufenthalte bereit. Die Arbeitsräume werden zum Beispiel auch von Studierenden genutzt, die sich mit der Puppensammlung auseinandersetzen. Und noch einen verborgenen Schatz beherbergt der Turm: das Virtuelle Puppenmuseum “Puppets 4.0”. Die VR-Brille führt die Besucher durch unterschiedliche Themenwelten und Epochen mit ihren charakteristischen Puppen – vom Kasperle im deutschen Wald bis zum mystischen Schattentheater im indonesischen Tempel. Das Museum beruht auf der historischen Sammlung von Fritz Wortelmann. Inzwischen geht es sogar bereits remote auf Reisen – das spart Kosten und CO₂.

Weit mehr als Kaspertheater
Heute hätte Fritz Wortelmann sicherlich seine helle Freude an der Entwicklung und dem Renommee des Figurentheaters in seiner Heimat. Alle zwei Jahre zeigt der Wettbewerb um den Fritz-Wortelmann-Preis in Bochum die ganze Bandbreite der Kunst. In diesem Jahr traten vom 18. bis zum 21. September zum Beispiel fast 20 Produktionen mit Marionetten, Handpuppen, Objekten oder Schattenspiel an, mit Themen wie mentaler Gesundheit oder machthungrigen Kriegstreibern, aber auch Klassikeradaptionen wie Shakespeares "Der Sturm". Auch ein experimenteller Parcours, in dem man auf intime Weise außerirdischen Lebensformen begegnet, war Teil des Wettbewerbs.

Internationale Strahlkraft geht vor allem vom Festival Fidena (Figurentheater der Nationen) aus, das das dfp alle zwei Jahre ausrichtet. Das internationale Festival in Bochum zeigt Produktionen aus Puppen-, Figuren- und Objekttheater – oft mit experimentellen Formen, neuen ästhetischen Ansätzen und interdisziplinären Schnittstellen. Es gilt als eines der wichtigsten Festivals der Szene. Daneben ziehen zahlreiche kleinere Festivals Figurentheater aus dem In- und Ausland ins Ruhrgebiet – darunter die FigurenTheaterWoche Gelsenkirchen oder die Figurentheatertage Bottrop (die noch bis Emde September laufen).
Große Bühnen auch für kleine Puppen
Immer wieder schlägt das Figurentheater zudem Brücken zu den großen Bühnen, und das nicht nur in Bochum. So pflegt das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen die einzige feste Puppentheatersparte Westdeutschlands und die weltweit einzige an einem Musiktheater. Klassische Sparten und Puppentheater werden hier zu spannenden Inszenierungen vernetzt, zuletzt u. a. bei Brechts Dreigroschenoper.

Auch das Theater Duisburg lässt gern die Puppen tanzen, in erster Linie für das erwachsene Publikum. So kehrt die bekannte Familie Flöz mit ihrem markanten Maskentheater immer wieder auf die Duisburger Bühne zurück. Und auch das Figurentheater der Bühne Cipolla ist fester Bestandteil des Theaterprogramms.
Der Mülheimer Ringlokschuppen ist Heimat des Mülheimer Figurentheaters Wodo Puppenspiel. Schon seit mehr als 25 Jahren bringt das Theater aktuelle Kinderliteratur auf die Bühne in Mülheim und Gastbühnen in ganz Deutschland.
Christofer Schmidt: “Es gibt immer wieder Phasen, in denen die Puppe fürs Stadttheater entdeckt wird. So inszenieren aktuell Nikolas Habjan, Suse Wächter oder Moritz Sostmann regelmäßig an großen Häusern und sorgen mit ihren Produktionen für ausverkaufte Häuser.”

Und die Zukunft?
Für das dfp liegt die Zukunft in der Offenheit. “Die Digitalisierung eröffnet neue Welten”, ist sich dfp-Geschäftsführerin Helene Ewert sicher. “Wir arbeiten mit VR, andere Häuser mit 3D-Druck, Animatronics oder Live-Kamera-Techniken. Das verändert Handwerk und Ästhetik, ersetzt aber nie das Live-Erlebnis.”
Deshalb will das Leitungsteam in Zukunft neue Gastspielreihen unter dem Label Fidena initiieren und die Szene damit noch sichtbarer machen: “Fidena ist ein großartiges Aushängeschild, aber nach zehn Tagen ist es vorbei", so Ewert. "Unser Ziel ist es, die Sparte dauerhaft präsent zu halten.”