Die Kneipe als Schmelztiegel: Frank Goosen im Interview

Ruhrgebietsautor Frank Goosen berichtet von seinem neuen Roman “Lovely Rita”, von inspirierenden Kneipen und dem großen Freiheitsversprechen der 1960er-Jahre.

Dein neuer Roman "Lovely Rita" spielt im Ruhrgebiet. Was fasziniert dich so an der Region, dass du sie immer wieder als Setting wählst?

Dass ich vor der eigenen Haustür schreibe, erzählt wahrscheinlich mehr über mich als über die Gegend. Ich schreibe einfach besser über das, was ich kenne. Hinzu kommt mein persönlicher Antrieb, beim Schreiben ein bisschen die Zeit festzuhalten, Dinge zu konservieren. Anhand des Ruhrgebiets kann man im Prinzip die ganzen großen Umbrüche und Katastrophen im Europa des 20. Jahrhunderts erzählen. Alle wichtigen Entscheidungen haben sich hier ausgewirkt. Viele meiner Bücher spielen in der Vergangenheit. Ich glaube, dass ich zum Beispiel in “Liegen lernen” und “Kein Wunder” ganz gut die 1980er-Jahre einfangen habe. Das heißt nicht, dass ich meine, früher sei alles besser gewesen. Aber die 1980er-Jahre waren prägend für mich, weil ich da erwachsen geworden bin. Jedenfalls biologisch.

Ausgangspunkt des Romans ist, dass die fiktive Kneipe "Haus Himmelreich" schließen soll. Welche Rolle spielen Kneipen in deiner eigenen Biografie?

Ich habe mich viel in Kneipen aufgehalten. Als ich so um die 16 Jahre alt war, gab es gegenüber meiner Schule den “Sportfreund”. Der machte schon um 8 Uhr auf und wir waren sogar in Freistunden dort. Mit dem “Sportfreund” habe ich zum ersten Mal die Kneipe als Schmelztiegel verschiedener gesellschaftlicher Strukturen und politischer Ansichten erlebt. Hier trafen sich neben dem klassischen Stammtischpublikum – Menschen wie der Kreismeister, der mit den Strichen an einem Abend einmal um den Deckel kam – Leute vom VfL-Basketball, aus der Jugendgruppe der Probsteikirche und eben von unserer Schule.

Zu Studentenzeiten spielte das “Ahorneck” – heute Absinth – in der Bochumer Rottstraße eine wichtige Rolle für mich. Ich traf mich dort mit Leuten von der Uni als Schreibgruppe. Wir organisierten auch Lesungen. Und dann begannen Jochen Malmsheimer und ich mit “Tresenlesen” in Kneipen aufzutreten. 

Gibt es konkrete Vorbilder für "Haus Himmelreich" und die Wirtin Rita Urbaniak?

Da ist vieles zusammengeflossen an verschiedenen Kneipen, die ich in meinem Leben besucht habe. Eine große Inspiration war Gabi Spork, früher Bezirksbürgermeisterin und Wirtin im “Fliegenpils”, einer Bochumer Eckkneipe. Sie hat mir einige Anekdoten und Fakten aus ihrem Leben als Wirtin erzählt, die fast 1:1 ins Buch eingeflossen sind. Ich wollte die Kneipe als Ort zeigen, an dem verschiedene Menschen und Weltbilder zusammenkommen. Der Roman lebt von der Kombination aus der Komik, die in Kneipen durch absurde Gespräche erzeugt wird, mit zeithistorischen Aspekten.

Tatsächlich geht es in "Lovely Rita" ja um mehr als nur eine Kneipe. Was ist das Kernthema des Romans?

Die Suche nach etwas anderem. Der Wunsch, über das, was man vorfindet, hinauszudenken und hinauszuleben. Das betrifft Rita selbst, die die Grundlagen des Marxismus studiert hat, und nur aus Verbundenheit die Kneipe ihres toten Onkels übernimmt. Und das betrifft Ritas Schwester Chris, die das Freiheitsversprechen der 1960er-Jahre ganz für sich beansprucht, auf eine leidenschaftliche, rücksichtslose Art. Inspirationsquelle war der Song “Where do you go to my Lovely” von Peter Sarstedt. Chris haut aus dem Ruhrgebiet ab, turnt durch den Jetset der 1960er- und 1970er-Jahre und bringt damit Rita in die Bredouille, die letztlich die Verantwortung für Chris‘ Tochter Verena übernimmt. Wer am Ende profitiert, ist Verena. An ihr werden, genau wie an mir, die sozialdemokratischen Aufstiegsversprechen der 1970er-Jahre wahr. 

Frauen spielen in "Lovely Rita" eine zentrale Rolle.

Stimmt. Es ist mein erster Roman, bei dem Frauen stärker im Mittelpunkt stehen. Es gibt auch die Nebenfigur Wachholder-Anni, die zweimal am Tag in die Kneipe kommt und ihren Wachholder auf Kosten des Hauses trinkt. Dahinter steckt die Geschichte von Annis Aufbegehren gegen ihren gewalttätigen Ehemann. Im Hinterzimmer von “Haus Himmelreich” treffen sich außerdem in den 1980er-Jahren die Frauen- und die Lesbengruppe. Mir war wichtig zu zeigen: Das Ruhrgebiet war nie nur Frikadellen und Fördertürme. Durch die Uni gab es in Bochum zum Beispiel eine linke Szene.

Was überwiegt nun mit dem Erscheinen des neuen Romans: Freude? Anspannung in Bezug auf die Reaktionen? Oder ist das alles mittlerweile Routine?

Ich bin sicher routinierter als früher, aber das tolle Gefühl, das erste Belegexemplar in Händen zu halten, nutzt sich nicht ab. Vor allem freue mich immer wahnsinnig darauf, aus einem neuen Roman vorzulesen. Ich habe keine Angst mehr vor schlechten Kritiken. Ich lese auch fast keine Kritiken mehr. Ich finde es super, wenn mir bei Lesungen Menschen sagen, dass bestimmte Aspekte im Buch sie begeistert oder berührt haben. Lesungen sind für mich nicht nur finanziell enorm wichtig. Das hat mir in der Corona-Zeit sehr gefehlt. Eigentlich wollte ich ja Rockmusiker werden und die Leute auf diesem Weg berühren, aber ich kann keinen Takt halten. Also muss ich Bücher schreiben.

Das Buch

Frank Goosen: Lovely Rita (Roman)

256 Seiten, Hardcover, verfügbar auch als E-Book

ISBN 978-3-462-01175-3

Vorpremieren:

18. Februar, 19:30 Uhr, Lippe Buchhandlung in Lünen

19. Februar, 20 Uhr, Kleinkunstbühne Meiderich, Duisburg

20. Februar, 19 Uhr, Buchhandlung dreesen-lesen, Dortmund

Premiere(n):

25. Februar, 19:30 Uhr, Schauspielhaus Bochum

26. Februar, 19:30 Uhr, Schauspielhaus Bochum