Die eigene Biografie als Ausgangspunkt: Autorin Julienne De Muirier

Autorin war für Julienne De Muirier zunächst ein Fantasieberuf. Mittlerweile lebt sie vom Schreiben, wurde für Kurzgeschichten ausgezeichnet und arbeitet mit Hochdruck an ihrem Debüt-Roman.

Schon zu Schulzeiten entdeckte Julienne De Muirier ihre Liebe zur Literatur. „Erst wollte ich bildende Künstlerin werden, aber immer mehr schlich sich das Lesen in mein Leben ein“, erzählt die 31-Jährige. „Ich weiß noch, wie wir im Deutschunterricht ‚Andorra’ von Max Frisch und ‚Leben des Galilei’ von Bertolt Brecht analysierten und ich fasziniert war, wie viel in diesen Texten steckt.“ Bald schon begann sie selbst zu schreiben: Gedichte, dann Kurzprosa. Für ein Studium der Literaturwissenschaften zog die in Köln geborene und aufgewachsene Julienne dann ins Ruhrgebiet, wo sie heute als freie Autorin lebt. 

Fantasieberuf Autorin

Dabei hätte sie sich zunächst nicht träumen lassen, dass sie vom Schreiben würde leben können. „Autorin war für mich ein Fantasieberuf“, sagt sie. Trotzdem schrieb sie neben dem Studium Kurzgeschichten, reichte sie zu Wettbewerben ein und landete mit der ersten Veröffentlichung gleich einen Volltreffer: Ihre Geschichte „das teppichhaus“ erschien 2019 in der BELLA triste, einer bedeutenden Zeitschrift für junge Gegenwartsliteratur. Sogar ein kleines Honorar bekam sie dafür. Plötzlich rückte Autorin als Berufsmöglichkeit in greifbare Nähe. Statt mit Prosa verdiente sie zunächst vor allem mit Dramatik Geld. Während des Studiums bekam sie vom Theater Oberhausen eine Anfrage zur Mitarbeit an einer Produktion. „Es ging um die Auseinandersetzung mit ‚Im Dickicht der Städte’, einem sehr kolonialen Text von Brecht. Das Theater wünschte sich eine Schwarze Stimme, die den Text befragt.“ Eine spannende Möglichkeit für die aus einer deutsch-afroamerikanischen Familie stammende Julienne. 

Vom Schreiben leben

Auf den einen Theaterjob folgte der nächste. Julienne wurde weiterempfohlen, schrieb unter anderem für das Hessische Landestheater Marburg, das Residenztheater München und das Schauspiel Dortmund und hängte das Studium schließlich an den Nagel, weil sie nun tatsächlich vom Schreiben leben konnte. Ihre Arbeiten fürs Theater sind Überschreibungen klassischer westlicher, vornehmlich deutscher Texte, zuletzt der ‚Iphigenie auf Tauris’ für das Nationaltheater Weimar. 

Trotz ihres Erfolgs am Theater war für Julienne klar: Eigentlich wollte sie Prosa schreiben. 2022 stand sie mit der Kurzgeschichte „Nachtfahrt“ auf der Shortlist des Wortmeldungen Förderpreises, 2023 erhielt sie dafür den vom Regionalverband Ruhr verliehenen Förderpreis des Literaturpreises Ruhr.

 

Die eigene Biografie als Ausgangspunkt

Immer schreibt sie in der Ich-Perspektive. „Im Ich gibt es viel zu entdecken“, sagt sie. „Ich finde es spannend, eigenes biografisches Material in einen Text hineinzulegen und zu schauen, wie es sich beim Schreiben transformiert.“ So wie in ihrer Kurzgeschichte „Das Objekt“. Die Schwarze Ich-Erzählerin ist in ein Museum eingeladen, in dessen Sammlung sich viele Raubkunst-Exponate befinden. Julienne erzählt vom Unwohlsein der Protagonistin, während die Kuratorin davon spricht, dass die Exponate eigentlich in ihre afrikanischen Herkunftsländer zurückgegeben werden müssten, und sie dabei immer wieder entschuldigend und mitleidig anschaut. In einem impulsiven Akt der Rückaneignung stiehlt die Protagonistin ein Objekt.

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„Der Ausgangspunkt der Geschichte ist autobiografisch. Geklaut habe ich selbst aber nichts“, räumt Julienne lachend ein. Literarisch hat sie die reale Situation weitergesponnen und sich gefragt: Was wäre wenn? Herkunft und Identität schwingen in Juliennes Schreiben immer mit. „Vor allem auch die Frage nach der Ich-Identität, weil es in Bezug auf Schwarze Personen immer diesen rassistischen Blickwinkel gibt, der einem die Ich-Identität zugunsten einer Zuschreibung zum Kollektiv abspricht.“ Seit einigen Jahren werden in ihrer Arbeit zudem Themen von häuslicher sowie historischer Gewalt immer größer und damit auch die Frage: Wie kann man über Gewalt schreiben, ohne sie zu reproduzieren?

Arbeit am Debüt-Roman

Diesem Themenkomplex widmet sich Julienne auch in ihrem Debüt-Roman, an dem sie seit 2020 schreibt. Zunächst lief diese Arbeit eher nebenbei, im letzten Jahr hat sie aber entschieden, den Fokus auf den Roman zu legen. Auch wenn das mit einem finanziellen Risiko verbunden ist, weil für Theatertexte vorerst keine Zeit bleibt. Immerhin gibt es hier und da Unterstützung: ein Residenzprogramm des Center for Literature, das 1:1-Stipendienprogramm vom Literaturbüro NRW mit Autorin Isabelle Lehn als Mentorin und zwei mehrwöchige Recherchereisen in die USA im Rahmen eines postgradualen Studiums an der Kunsthochschule für Medien in Köln. 

Die USA nämlich sind Hauptspielort des Romans, der wieder den Ausgangspunkt in Juliennes Biografie hat, um von dort aus ins Fiktionale zu gehen. „Eine junge Schwarze Frau und angehende Schriftstellerin reist nach New York, um sich mit ihrer Geschichte, Schwarzer Kunst und Identität zu beschäftigen, und gerät dabei immer wieder auf Spuren ihres dort lebenden Vaters, von dem sie aufgrund einer Geschichte häuslicher Gewalt Abstand zu halten versucht.“ Die Suche nach einer eigenständigen Schwarzen Perspektive wird zur Konfrontation mit der Gewalt, deren Ursprung und der Frage, wie die transgenerationalen Traumata ein Ende finden.

Schreiben ohne Lesen geht nicht

Während Julienne am Debüt schreibt, liegen ihre meisten anderen Projekte auf Eis. Zu den Projekten, in denen sie weiterhin aktiv ist, zählt die Literaturzeitschrift Brache, die sie mit Lukas Hermann und Esra Canpalat realisiert. Jede Ausgabe wird von einer anderen Person aus dem Dreierteam federführend begleitet – die zweite Ausgabe von Julienne. Zum Thema „Selbst“ hatte sie 2025 Schwarze, afro-diasporische und afrikanische Autorinnen und Autoren aufgerufen, Texte einzureichen. „Weil durch den Fokus auf die Schwarze Community oft das eigene Ich in den Hintergrund rückt“, erklärt Julienne, die diese Arbeit als inspirierend auch für das eigene Schreiben empfindet: „Ich bin ohnehin überzeugt davon, dass Schreiben ohne Lesen nicht geht.“