Interview: Community Building als Katalysator für urbane Nachbarschaft

Raum für Kultur und Gemeinschaft schafft die Kulturkonferenz Ruhr am 11. September im ChorForum Essen. Was steckt hinter dem Thema der 14. Ausgabe: „Community Building – Kultur als Katalysator urbaner Nachbarschaft“? KIR hat nachgefragt.

Die Kulturkonferenz Ruhr ist Teil der Regionalen Kulturstrategie von Regionalverband Ruhr (RVR) und dem Land NRW. Sie hat das Ziel, die in der Kulturhauptstadt RUHR.2010 entstandenen Netzwerke, regionalen Partnerschaften und Kooperationen zu fördern und weiterzuentwickeln. Veranstaltet wird die Kulturkonferenz Ruhr einmal im Jahr vom RVR gemeinsam mit dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW. KIR sprach mit Dr. Miriam von Gehren, verantwortlich für den Kulturpolitischen Dialog im Kulturreferat des RVR.

Ihr habt euch das Thema Community Building ausgesucht. Das klingt erst einmal etwas sperrig und nach einem typischen neudeutschen Begriff. Was genau steckt dahinter?

Miriam von Gehren: Es geht um Gemeinschaft. In Zeiten von Polarisierung, aber auch von Vereinsamung, wollen wir Orte stärker in den Mittelpunkt stellen, an denen Gemeinschaft möglich ist, an denen Zusammenhalt entstehen kann. Und an denen unterschiedliche Communites miteinander ins Gespräch kommen. Dann steckt im Begriff ja auch das Wort Building. Das kann man als Bauen verstehen, aber auch als Gebäude. Also geht es ebenso um Orte und Verortung. Das passt wiederum zu unserem Thema „Kultur als Katalysator für urbane Nachbarschaft“. Orte spielen nicht nur für Nachbarschaften, sondern auch für Stadtentwicklung eine wichtige Rolle. Insofern ist der Titel ein schönes Wortspiel. 

Die Frage lautet also: Können Kulturinstitutionen und kulturelle Orte Gemeinschaften aufbauen und nicht nur Menschen zusammenführen? 

Und was ist da die Rolle der Freien Szene?

Miriam von Gehren: Die Freie Szene ist häufig weniger institutionell gebunden und trifft sich oft an soziokulturellen Orten. Im Unterschied dazu sind Kulturinstitutionen stärker an bestimmte Orte gebunden und verfügen über feste Strukturen. Die Freie Szene hat es vermeintlich einfacher, weil sie oft direkt aus Gemeinschaften, Initiativen oder sogar Nachbarschaftsbewegungen heraus entsteht. Gleichzeitig stellt sich dort häufig die Frage nach geeigneten Räumen. Deshalb wird sich ein Forum auch mit dem Thema Leerstand beschäftigen. Können leerstehende Gebäude zu Kulturorten transformiert werden? Das geschieht bereits vielerorts. Allerdings wird Kultur dabei oft nur als Zwischenlösung betrachtet, bis Investoren kommen oder andere wirtschaftlich attraktivere Nutzungen gefunden werden. Dann muss die Kultur weiterziehen.

Wir möchten sichtbar machen, wie die freie Szene in Nachbarschaften hineinwirkt. Über die Manifesta-Plus-Projekte haben wir dafür einige Beispiele gefunden. Diese Projekte werden auf dem Podium vorgestellt.

Dabei stellt sich auch die Frage: Welche Ressourcen braucht die freie Szene, um diese Arbeit leisten zu können? 

Geht es also auch darum, die freie Szene mit der etablierten Kulturszene sowie mit Stadtverwaltung und Wirtschaftsförderung zu vernetzen?

Miriam von Gehren: Ja, auf jeden Fall. In Vorgesprächen mit Kolleginnen und Kollegen aus den kommunalen Kulturverwaltungen habe ich immer wieder gehört, dass der Wunsch besteht, Kulturpolitik und Kulturverwaltung stärker mit Stadtentwicklungspolitik und Stadtentwicklung zu verzahnen. Es gibt da einige sehr gute Beispiele. In Oberhausen etwa wird gezielt darauf geachtet, Kulturentwicklung und Stadtentwicklung zusammenzuführen. Dort lief bis vor Kurzem das europäische Förderprojekt Creative City, mit dessen Hilfe viele solcher Allianzen ermöglicht werden konnten.

Wir versuchen also, möglichst unterschiedliche Akteurinnen und Akteure an einen Tisch zu bringen und Impulse für neue Allianzen zu geben.

Solche Impulse sollen aus den unterschiedlichen Foren der Kulturkonferenz entstehen?

Miriam von Gehren: Ja, aber nicht ausschließlich. Die Foren bauen auf den Keynotes auf. Sie eröffnen zunächst eine übergeordnete Perspektive, eine Metaebene. Die Journalistin Gilda Sahebi wird in ihrem Impuls beispielsweise auf die Frage eingehen, was unsere Gesellschaft zusammenhält.Sie wirbt für eine differenzierte Sichtweise, fürs Zuhören und dafür, anderen erst einmal offen zu begegnen, statt sie direkt abzuwerten. Daran knüpft die Frage an: Wo gibt es Orte, an denen wir solche Erfahrungen machen können? 

Barbara Welzel wird anschließend stärker auf die räumliche Dimension eingehen. Sie beschäftigt sich mit Dritten Orten und Kulturräumen und nimmt dabei Bezug auf die Kirchenräume, die im Rahmen der Manifesta 16 Ruhr eine wichtige Rolle spielen. Viele dieser Gebäude werden nicht mehr primär religiös genutzt, haben aber ein enormes Potenzial als Kultur- und Begegnungsorte.

Während die Keynotes also eher auf einer übergeordneten Ebene ansetzen, öffnen die Foren den Blick für konkrete Praxisbeispiele und unterschiedliche Perspektiven auf Kultur in Nachbarschaften.

Du hast die Manifesta bereits erwähnt. Wo liegen für dich die Chancen dieser Biennale für das Ruhrgebiet?

Miriam von Gehren: Die Manifesta versteht sich selbst als Impulsgeberin. Sie stößt Themen an, die anschließend in der Region weiterdiskutiert und weiterentwickelt werden sollen. Genau das greifen wir mit der Kulturkonferenz auf.

Das Thema selbst ist nicht neu. Fragen der Stadtentwicklung, der Umnutzung von Gebäuden oder der sogenannten 15-Minuten-Stadt werden seit Längerem diskutiert. Neu ist aber die Aufmerksamkeit, die die Manifesta diesen Themen verleiht.Das Ruhrgebiet hat dabei eine besondere Stärke: An vielen Orten sind kulturelle Einrichtungen innerhalb von 15 Minuten zu Fuß erreichbar. Die Manifesta macht dieses Potenzial sichtbar und verankert es beispielhaft an den Nachkriegskirchen, die sie in den Fokus rückt.

Die Kulturkonferenz könnte dabei also als Verstärker wirken und die Themen weiter in die Praxis tragen?

Miriam von Gehren: Genau, das ist unser Anspruch. Wir verstehen die Kulturkonferenz als Plattform, die bestehende Impulse aufgreift, verstärkt und weiterführt.

Dabei geht es nicht nur um Kirchengebäude, sondern generell um die Frage, wie Kulturorte zu Orten der Gemeinschaft werden können. Je intensiver ich mich mit dem Thema beschäftige, desto stärker merke ich, wie groß der Bedarf an Austausch ist. Das betrifft Kulturschaffende genauso wie Kulturverwaltungen und Kulturpolitik. Deshalb überlegen wir bereits jetzt, welche Themen wir in kleineren Formaten wie „Kultur mittendrin“ weiterführen können. Ziel ist es, den begonnenen Dialog fortzusetzen und langfristig im Gespräch zu bleiben.

Das Gespräch führte Kerstin Röhrich.

14. Kulturkonferenz Ruhr

Freitag, 11.09.2026

10:00 - 18:00 Uhr

ChorForum Essen

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