Das ist keine Kirche! Ein Abstecher zur Manifesta 16 Ruhr

An einem Sonntagnachmittag macht KIR-Redakteurin Sarah Meyer-Dietrich sich auf, um mit ihrer Familie zwei Kirchen der Manifesta zu erkunden – und eine Ausstellung lokaler Künstlerinnen und Künstler, die in ihrem Dunstkreis entstanden ist.

„Das ist keine Kirche!“, empört meine viereinhalbjährige Tochter sich. Wir stehen in Bochum-Langendreer vor der Kirche St. Ludgerus, einem der zwölf Hauptspielorte der Manifesta 16 Ruhr. Und ich frage mich, was deren Macherinnen und Macher wohl sagen würden, wenn sie uns jetzt sehen könnten. Trifft die Empörung doch wörtlich den konzeptionellen Rahmen der Biennale: This is not a church! Gemeint ist damit allerdings nicht, was meine Tochter erzürnt. Nämlich, dass die in der Nachkriegszeit erbaute Kirche St. Ludgerus mit der markanten Dreiecksform und dem fehlenden Turm keiner Bilderbuch-Kirche entspricht. Vielmehr geht es darum, durch partizipative Projekte und künstlerische Interventionen die Kirchenbauten neu zu definieren und zu fragen: Wie könnten sie als soziale Räume erhalten bleiben und zur Bildung einer gerechteren Gesellschaft beitragen?

Klangexperimente

Die Manifesta will den Blick weiten für das, was in den Kirchenbauten möglich ist. So wie hier in Langendreer. Kaum haben wir das Gebäude betreten, ist es meinen Kindern egal, ob wir in einer Kirche stehen oder nicht. Denn vor uns tut sich eine Mischung aus Bolzplatz und Basketball-Court auf. 

Körbe auf unterschiedlichen Höhen. Tore, die so schmal sind, dass auch mein im Verein spielender Sohn meist den Pfosten trifft. Gut so! Fehltreffer werden in dieser von den Künstler-Kollektiven CaboSanRoque und Flexo Architecture entwickelten Intervention nämlich belohnt, indem sie Noten auf der Kirchenorgel auslösen. „Fail louder“ heißt die Klanginstallation. Und weil an diesem Sonntag viele Menschen ihr Glück versuchen und daneben treffen, internationale Gäste genauso wie Mädchen und Jungs aus der Nachbarschaft, ist der Raum erfüllt von Klang. Schöner könnte man kaum zum Ausdruck bringen, dass aus Fehlern unerwartet Produktives entstehen kann.

Zeichen von politischer Dringlichkeit

Nächste Station: Gethsemane in Bochum-Hamme. Für meinen Mann und mich von persönlicher Bedeutung. Über dem Gemeindesaal, von dem das Kirchenschiff abgeht, haben wir früher gewohnt. Hier moniert meine Tochter nicht den fehlenden Turm. Sie ist nun vorbereitet auf Kirchengebäude, die nicht ihrer Erwartung entsprechen. Ich selbst muss mich kurz an den Anblick des leeren Kirchenschiffs gewöhnen. Nein, nicht leer. Die Kirchenbänke wichen Werken internationaler Künstlerinnen und Künstler. Die aus Belarus stammende Marina Naprushkina etwa thematisiert in ihren Arbeiten in Acryl, Folie und Glas mit dem Titel „Kein Geläut“ den fehlenden Glockenturm des nach dem Zweiten Weltkrieg als Notkirche schnell erbauten Gebäudes sowie Bergbau und Krieg. Mit dem Schriftzug „We’ll never go back!“ über der glockenförmigen Hüpfburg im Vorgarten der Kirche, wo mein Sohn laufen lernte, setzt sie ein Zeichen von Empowerment und politischer Dringlichkeit. 

Keine Kirche, aber auch kein Museum

Auch der polnische Künstler Mirosław Bałka bezieht sich mit einer Lichtinstallation, die vielsprachig den Begriff Heimat zeigt, auf Migration und Gastarbeit, ohne die das Ruhrgebiet nicht denkbar wäre. Mein Sohn ist fasziniert von Cassidy Toners modifiziertem Flipperautomaten mit dem vielsagenden Titel „What Do You Get?“ und vom Foto einer aufgrund ihrer dichten Beinbehaarung potenziell männlich gelesenen Person in Lackstiefeletten, Blümchenkittel und mit neongrün lackierten Fingernägeln, die einen Fisch in eine Badewanne setzt. Warum er dieses Foto der Gruppe Grupa Mauczka so gut findet? Es gefällt ihm halt. Und das reicht. Mit meiner Tochter, die selbst dauernd bastelt, malt, Collagen klebt, spreche ich über Motive und Material der Bilder, ehe sie barfuß davonhüpft, quer durch den Saal, der keine Kirche mehr ist, aber auch kein Museum, sodass ich nicht das Gefühl bekomme, sie ermahnen zu müssen, dass sie nicht hüpfen, rennen, die Schuhe auszuziehen darf.

Das ist eine Ausstellung

Von der Gethsemane-Kirche aus ziehen wir ein Haus weiter. In der Amtsstraße Nummer 4 hat die bildende Künstlerin Jana Fedyk ihr Atelier, in dem sie aktuell gemeinsam mit weiteren lokalen Künstlerinnen und Künstlern eine Ausstellung zeigt. Werke von Gabi Keil-Haack, Johanna Vormann, Krzysztof Gruse, Peter Gros, Maria Renger-Patzsch, Regina Hölling, Sabine Wassermann, Uwe Siemens, Suzanne Mehrtens, Jutta Handke und Katherine Tinteren-Klitzke sind zu sehen. Die Ausstellung mit dem Titel: Dies ist eine Ausstellung/This is an exhibition ist kein Teil des offiziellen Manifesta-Programms, aber zu schade wäre es gewesen, das Atelier nicht zu öffnen in diesen Tagen, in denen ein internationales Publikum in der Amtsstraße unterwegs ist. „Tatsächlich schauen viele Menschen vom Manifesta-Laufpublikum bei uns vorbei“, berichtet Jana Fedyk. „Ein Dänin war hier, ein Paar aus London – das ist echt cool. Besonders schön finde ich aber, dass uns auch Leute aus der Nachbarschaft besuchen. Wir sitzen beim Kaffee draußen und kommen mit den Menschen ins Gespräch.“

Neben Jana Fedyks teils winzigen Objekten, skurrilen Figürchen, die sie aus Ton, Draht und Fundstücken wie Steinen, Schneckenhäusern, Insektenteilen zusammensetzt, hängen großformatige bunte Tierbilder der Malerin Maria Renger-Patzsch – Enkelin des Fotografen Albert Renger-Patzsch. Und als wir später mit einem Abendsnack vom Imbiss um die Ecke an der Hüpfburg hocken, auf der es sich zwei Englisch sprechende junge Frauen bequem gemacht haben, denke ich, wie schön es doch ist zu sehen, was hier alles möglich ist.

Besuchte Orte

St. Ludgerus

Kaltehardtstraße 98, 44892 Bochum

 

Gethsemane

Amtsstraße 4a, 44809 Bochum

Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Sonntag: 11.00–18.00

Freitag, Samstag: 11.00–19.00

 

Atelier Jana Fedyk

„Dies ist eine Ausstellung/This is an exhibition“:

Amtsstraße Nummer 4, 44809 Bochum

Noch bis 4. Oktober Dienstag und Sonntag: 15.00 bis 19.00, weitere Öffnungszeiten: siehe Website