Ausflüge in den sozialen Surrealismus

Erschaffen wird hier nichts, und doch ist alles Bewegung: “NoNoseKnows”, das Video, mit dem Mika Rottenberg bekannt wurde, ist jetzt ebenso in der Ausstellung “Queer Economy” im Lehmbruck Museum zu sehen wie ihre aktuellen Arbeiten – in denen dann doch etwas Neues entsteht.

Was haben der Welt größte Maschine, der Teilchenbeschleuniger CERN, und der Kehlkopfgesang der nomadisch lebenden Tuwa aus dem südlichen Sibirien miteinander zu tun? Auf den ersten Blick wahrscheinlich nicht viel. Für Mika Rottenberg aber ist das schweizerische Laboratorium die größte Maschine, die wir haben, um Geheimnisse zu lüften. Und in diesem Punkt sei sie der Kunst ganz ähnlich. In ihrer Videoarbeit “Spaghetti Blockchain” setzen die konzentrierte Energie des Gesangs und die konzentrierte Energie der Elemente die Pole, zwischen denen alles in stetem Wandel ist. Materie verändert sich. Plastik löst sich auf und blubbert vor sich hin wie ein Spiegelei. Nudeln mit Marshmellows wirken wie die Anordnungen eines Molekülmodells bevor sie verglühen.

Insgesamt 30 von Mika Rottenbergs Werken, entstanden in den jüngsten zwei Jahrzehnten, sind jetzt im Duisburger Lehmbruck Museum unter dem Titel “Queer Ecology” zu sehen, interaktiv zu bedienen und zu erfahren. “NoNoseKnows”, ihre Installation, die auf der Biennale von Venedig Aufmerksamkeit erregte, erreicht man durch einen kleinen Raum mit vielen Perlen und Regalen, der damit bereits vorwegnimmt, was die Videoinstallation zeigt: chinesische Arbeiterinnen, die mit viel Akribie Austern impfen, damit sie Perlen hervorbringen, die dann wiederum aufwendig und konzentriert sortiert werden und in großen Säcken landen. Auf seltsame Weise sind die Arbeiterinnen verbunden mit einer Angestellten in einem westlichen Großstadtbüro. Zwei Realitäten und zwei Formen von Arbeit, die unterschiedlicher kaum sein könnten, treffen aufeinander und bedingen sich wechselseitig – ohne dass etwas erkennbar Nutzbringendes entsteht. Absurd? “Die Realität”, sagt Mika Rottenberg, “ist viel absurder als jedes meiner Videos”.

Neben Videoarbeiten sind auch kleine Apparate zu sehen, die nichts produzieren, und Dinge, die um sich selber kreisen. Aus der Wand ragt ein Pferdeschwanz, der immer wieder die gleiche Bewegung ausführt.

Geboren 1976 in Buenos Aires, ist die multimedial arbeitende Künstlerin aus dem internationalen Kunstbetrieb mittlerweile kaum wegzudenken und erfreut sich mit ihrer stets leichtfüßig daherkommenden Fundamentalkritik am Bestehenden eines gewissen Kultstatus‘. Sie wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem 2019 mit dem Kurt-Schwitters-Preis des Sprengel Museums Hannover. Seit Jahren lebt und arbeitet sie in New York, der Stadt, die auch den Rohstoff für ihre jüngsten Arbeiten liefert.

“Lampshares” nennen sie sich, sehen auf den ersten Blick aus wie Lampen, organisch, als wären sie einem Schöner-Wohnen-Katalog für Hobbits entsprungen. Aber auch diesmal geht um Tieferes und die Vereinigung vermeintlicher Gegensätze. Es gebe ein enormes Plastik-Problem in New York, erklärt Rottenberg. Gleichzeitig vermehrt sich in den Wäldern unweit der Stadt eine invasive Kletterpflanze, die Wirtsbäume mit der Zeit erstickt. Rottenberg baute ihr Studio in eine Sammel- und Recyclingstelle um, in dem das Plastik wieder nutzbar gemacht und mit den Pflanzen zu einer neuen, sinnhaften Einheit verbunden wird. Es habe ein Jahr Arbeit gekostet, die richtige Methode zu entwickeln, schließlich aber fanden sich die Gegenätze vereint. Gemachtes verbindet sich mit Gewachsenem, zwei invasive, “boshafte” Materialien werden zu etwas Neuem.

Die Welt, erklärt Rottenberg, sei eben nicht gut oder böse, nicht schwarz oder weiß, sondern irgendwie dazwischen. “Nichts ist perfekt, und alles ist miteinander verwoben”, so ihr Credo. Entsprechend könne das “queer“ im Titel auch schlicht als ”strange" verstanden werden, erläutert die Künstlerin: anders, quer zu den vertrauten Sichtweisen stehend. Wie die Lampshares. 
“The meaning is in the viewer”, sagt Rottenberg: Die Bedeutung liegt beim Betrachter. Und fügt dann hinzu: Verbringen sie einfach ein bisschen Zeit und – genießen sie es!

Wer sich darauf einlassen möchte, hat bis zum 22. Februar des kommenden Jahres dazu in Duisburg im Lehmbruck Museum die Gelegenheit.