Musiktheater neu gedacht: Das MiR.LAB bringt KI auf die Bühne
Oper kann KI – oder kann KI Oper? Das MiR.LAB in Gelsenkirchen lotet Schnittstellen und Grenzen der Allianz von Technik und (Musik)Theater aus – aktuell mit der Entwicklung eines interaktiven Musiktheaterstücks gemeinsam mit der New Yorker Künstlerin Ellen Pearlmann.

Für zwei Wochen war Pearlmann gerade in Gelsenkirchen, ganz analog, vor Ort und nahbar. In einem “Artist Talk” hat sie gemeinsam mit dem Team des MiR.LAB schon erste Ideen für die geplante KI-Oper “The System Cannot Fail” vorgestellt, diskutiert und Pläne geschmiedet. Vier weitere Besuche stehen in den kommenden beiden Jahren an, bevor das von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Kunst & KI-Projekt ins Finale geht: Am Ende der dreijährigen Projektlaufzeit, 2027 also, kommen die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit in einer großformatigen, interaktiven Bühnenproduktion im Musiktheater im Revier zur Uraufführung.
The System Cannot Fail
Und worum soll es gehen? “The System Cannot Fail” setzt sich mit maschineller Wahrnehmung, Erinnerung und Identitätsbildung auseinander. Wer entscheidet, was die KI erinnert? Was gespeichert wird und was gelöscht? Und welche Auswirkungen hat ihre “Wahrnehmung” auf unsere Realität? Im Team mit MiR.LAB-Leiterin Nora Krahl und dem Technischen Leiter Baris Pekcagliyan und im Austausch mit Menschen vor Ort entwickelt Ellen Pearlman dazu dramaturgische Ansätze zwischen Analogem und Digitalem. Dabei kommt zum Einsatz, was die Technik bieten kann − von Bild-, Klang- und Textgenerierung über biometrische Datenerfassung bis hin zu interaktiven Systemen, die Ensemble und Publikum verbinden.

Ein Digitallabor für alle
Was sich ein wenig nach Science Fiction anhört, ist für das MiR.LAB beinahe schon Alltag. Denn im offenen Digitallabor des Musiktheaters im Revier loten sie schon seit Anfang 2024 aus, wie das Musiktheater der Zukunft aussehen könnte. Und das nicht im vielzitierten Elfenbeinturm, sondern mittendrin, zusammen mit allen, die sich für das Neue begeistern: Theaterinteressierte, Technik-Pioniere, Künstlerinnen und Künstler, Junge, Alte … Nora Krahl − Regisseurin, Cellistin, Komponistin und Künstlerische Leiterin des MiR.LAB – navigiert ihre Projekte virtuos entlang der Grenzen zwischen Tradition und Technik, Musiktheater und KI-generierter Kunst. Und darüber hinaus: So kamen in den Bühnenprojekten des Labors schon ein “Kommunikationskristall” mit eingefangenen Tönen aus dem Stadtraum, VR-Brillen und Avatare zum Einsatz.

“Theater und auch Musiktheater ist klassischerweise der Ort, an dem aktuelle gesellschaftliche Themen reflektiert und diskutiert werden sollten – und KI ist ein solch aktuelles Thema”, erklärt Krahl ihr Selbstverständnis der Arbeit. “Die Aufgabe ist es, KI-Diskussionen anzustoßen und Sichtweisen auszutauschen.”
Digitaler Kaffeeklatsch und Spieleentwicklung
Wichtigstes Instrument sind dabei die partizipativen Formate. Mit Workshops, Diskursen und Mitmach- bzw. Mitdenk-Angeboten geht das MiR.LAB auf Augenhöhe mit der Stadtgesellschaft − natürlich nicht ohne “Hintergedanken”: “Wir haben festgestellt, dass neue Zielgruppen schwer ins Theater zu bekommen sind”, sagt Nora Krahl. “Es ist am besten, wenn wir zu den Menschen gehen, nicht umgekehrt. Und da gehen wir ganz niederschwellig dran. Der Vorteil ist, dass in Gelsenkirchen gefühlt jeder irgendetwas macht, sich einbringt, sich irgendwo engagiert.” Das Konzept holt sie ab.

Da gibt es zum Beispiel den “digitalen Kaffeeklatsch” explizit für ältere Menschen. Regelmäßig treffen sie sich im MiR.LAB in einem Ladenlokal mitten in der Stadt zur Reihe “Diskurs und Daddeln”. Bei Kaffee und Schnittchen probieren sie modernste Technologien, von Songwriting mit KI bis zum virtuellen Malen. Menschen zwischen zwölf und 70 Jahren treffen sich im Workshop “Cyberflöte”, in dem sie ihr eigenes Computer- und Brettspiel in Anlehnung an Mozarts Oper entwickeln. Und in der stattWerkSTADT realisieren alle gemeinsam aktuell ein Theaterstück mitten auf dem Weihnachtsmarkt.
Ab auf die große Bühne
Aber auch die große Bühne will erobert werden. Zweites Anliegen des Digitallabors ist es, neue Technologien für die professionellen Ensembles zu erforschen. Und vor allem: “Im Fokus des MiR.LAB steht, neues Publikum zu erschließen, Menschen anzusprechen, die sonst nicht im Musiktheater zu finden sind”, so Nora Krahl. Dass der Ansatz funktioniert, zeigte sich zum Beispiel bei der Inszenierung “Göttinnen”. “Das Publikum ist sehr durchmischt”, hat Nora Krahl beobachtet. “Gerade bei ,Göttinnen‘ kamen viele Leute, die man sonst eher nicht im MiR antrifft. Bei den Jungen lockt da sicherlich auch ein wenig der Reiz des Neuen. Das klassische Opernpublikum ist bei einer Cyber-Operette natürlich erstmal irritiert – und zurückhaltend. Aber wir machen das ja vorrangig für Menschen, die sonst nicht in die Oper gehen.” Und die werden offensichtlich auch erreicht.

Die nächste Produktion steht schon in den Startlöchern. Das MiR-LAB interpretiert Mozarts “Zauberflöte” neu, im Frühjahr 2026 ist Premiere. Auch für diese Inszenierung hofft Krahl auf neues, neugieriges Publikum: “Der Knackpunkt ist, dass man den Menschen vorher klarmachen muss, was sie erwartet. Und natürlich ganz wichtig: Es muss einfach Spaß machen!”
Zukunftsmusik?
Für die Zukunft sieht die MiR.LAB-Leiterin noch viel Potenzial: “KI wird das Theater nicht mehr verlassen, weder als Thema noch als Instrument. KI erfasst einfach viele neue Möglichkeiten, z. B. auch in der Produktion.” Dazu müssen alle Beteiligten lernen, mit der Technik umzugehen. “Denn KI produziert ja erstmal Mainstream, das, was gefällig ist. Das ist natürlich nicht unbedingt das, was Künstlerinnen und Künstler wollen. Das heißt, wir alle müssen lernen, wie wir die KI als Werkzeug nutzen können.”