"Menschen sollen kommen, weil sie hier Spaß haben"

Melanie Wunsch ist die neue Leiterin des LWL-Museums für Archäologie und Kultur in Herne. Die 48-jährige Archäologin aus Duisburg möchte Leben ins Haus bringen und zukünftig mehr Hands-on-Stationen für Familien mit Kindern bieten, sagt sie im kir-Interview.

Das LWL-Museum für Archäologie und Kultur ist kein 0815-Museum. Besucher sollen sich selbst wie Forscher fühlen. Wie schaffen Sie das?

Unsere Gäste betreten die Dauerausstellung und werden von der Inszenierung gleich mitten hinein gezogen ins Geschehen. Sie bewegen sich über den Grabungssteg und entdecken links und rechts die Grabungsbefunde. Mit allen Sinnen erleben sie hier 250.000 Jahre Menschheitsgeschichte in Westfalen. Wir haben zum Beispiel eine nachgebaute Höhleninstallation, die Balver Höhle, in der wir die mitunter ältesten Befunde aus Westfalen präsentieren. Als Besucher ist man da dank der Klang- und Lichtinstallationen gleich mittendrin.

Wir haben aber auch Funde direkt hier aus dem Ruhrgebiet: 1911 wurde bei Bauarbeiten für die Schleuse VI am Rhein-Herne-Kanal in zwölf Metern Tiefe ein Neandertaler-Lagerplatz entdeckt. Dort wurde unter anderem ein etwa 70.000 Jahre alter, von Neandertalern hergestellter und benutzter Faustkeil gefunden, der jetzt in einer Holovitrine in der Dauerausstellung zu sehen ist.

Was macht das Haus vor allem für Schulklassen so interessant?

Eine Besonderheit, die wirklich einmalig ist an diesem Museum, ist das Grabungscamp. Das ist eine Fläche außerhalb des Museumsgebäudes, die von einem Grabungszelt überdeckt ist, sodass man bei jedem Wetter dort arbeiten kann. Dort erfahren die Teilnehmenden, wie eine Ausgrabung funktioniert. Was finden Archäologen und Archäologinnen bei einer Grabung vor? Wie wird dokumentiert? Das Tolle am Camp ist, dass man hier mitmachen, also selbst ausgraben, erfahren, anfassen und begreifen kann.

Neben dem Grabungscamp ist das Museum noch für sein preisgekröntes Forschungslabor bekannt. Was erleben Besucher dort?

In unserem Forschungslabor werden unterschiedliche Methoden erklärt, die die Archäologie braucht, um zum Beispiel das Alter von Befunden datieren zu können. Hier gibt es Hands-on-Stationen, an denen Besuchende selbst forschen und etwas ausprobieren können. Die interaktive Ebene ist heute schon spannend. Trotzdem werden wir sie in den nächsten Jahren überarbeiten, denn die Forschung geht weiter und die Methoden werden immer präziser. Wir gehen mit der Zeit. 

Warum ist das Bewahren der Vergangenheit heute noch wichtig?

Erst wenn das Erforschte in den Kontext eingeordnet ist, können wir Menschen anfangen, darüber nachzudenken: Was gibt mir die Vergangenheit? Was wird da erzählt und was bedeutet das für mich heute? Wo verorte ich mich in der Geschichte, was sagt mir das über unser Menschsein, und wie wollen wir in Zukunft leben? Es sind also wirklich ganz existenzielle Fragen, mit denen wir uns hier beschäftigen.

Was haben Sie sich für die Zukunft des Hauses vorgenommen?

Ich war zuvor elf Jahre lang im Neandertal Museum in Mettmann – ein Erlebnismuseum, das vor allem auf Familien und Schulklassen ausgerichtet ist. Dort war es immer laut, da war immer Action. Ich wünsche mir auch für das Museum für Archäologie und Kultur in Herne, dass noch mehr Leben im Haus ist und die Gäste Spaß haben.

Mir ist der Servicegedanke extrem wichtig. Ich möchte auf die Bedürfnisse der Besuchenden eingehen. Als Museum konkurrieren wir am Wochenende mit Zoo, Schwimmbädern und Freizeitparks um das Interesse der Familien. Mein Ziel ist es, dass sich Familien an Tagen mit schlechtem Wetter für uns entscheiden und sagen: Lasst uns ins MAK gehen! Weil sie hier Spaß haben! Das ist mein Traum. Deshalb haben wir uns vorgenommen, mehr für Familien anzubieten. 

Aktuell arbeiten wir daran, in der Dauerausstellung eine neue Mitmachebene für kleinere Kindern zu installieren. Dieses Projekt wollen wir bis zum Jahresende umgesetzt haben. Zudem überlegen wir gemeinsam mit der Stadt Herne, wie wir noch weitere Kooperationen mit Schulen in Gang bringen und auch Berufskollegs einbinden können. Insgesamt möchte ich, dass das Haus sichtbarer wird.

Wie wollen Sie diese Sichtbarkeit erreichen?

Wir werden gezielt nach draußen gehen und auf unsere Angebote aufmerksam machen. Wir werden mit unserem Museumsmobil, unserem Stand und Leuten aus dem Haus bei Stadtfesten vertreten sein und unser Angebot vorstellen. Ich möchte, dass wir nahbar sind. Weg vom Image des Elitären und Langweiligen. Dabei geht es doch vor allem um eins: Die Menschen sollen hier eine gute Zeit haben – und wenn sie das haben, dann empfehlen sie uns auch weiter.

Noch bis Mitte September läuft die Sonderausstellung “Mahlzeit! Wie Essen uns verbindet”. Was erwartet die Gäste?

Zunächst einmal ist es uns wichtig, dass wir über die Archäologie hinaus auch Kultur vermitteln wollen. Die Mahlzeit-Ausstellung geht weit über die bloße Nahrungsaufnahme hinaus. Das gemeinsame Essen wirkt seit Jahrtausenden als sozialer Klebstoff. Und die Geschichten drumherum sind das, was die Schau so spannend macht. Um das zu verdeutlichen, sind wir auch in dieser Ausstellung spielerisch und humorvoll unterwegs: Wir haben eine Mitmachebene und Quiz-Aufgaben. Es gibt Geruch in der Ausstellung und ein riesiges beleuchtetes Wimmelbild. Und moderne Vermittlungsmethoden nutzen wir auch: Mit VR-Brillen können Gäste selbst an einem virtuellen Dinner-Tisch Platz nehmen und Teil einer Tischgesellschaft im 18. Jahrhundert werden. Aber es gibt auch Analoges. Kinder bekommen die Aufgabe, mit übergroßem Geschirr und Besteck den Tisch richtig zu decken. Hier bedeutet Hands-on wirklich: Wir fassen an. 

Wissen Sie schon, welches Thema die nächste Sonderschau haben soll?

Im April 2028 wird es eine Ausstellung über Burgen in NRW geben. Ein riesiges Modell der Isenburg macht jetzt schon Lust auf die Ausstellung, die da kommt. Es gibt eine kleine Inszenierung mit Funden von der Isenburg in Hattingen. Zudem bieten wir vor Ort ein Schreibpult, an dem Gäste notieren können, was sie sich von der Ausstellung wünschen. Was sollen wir berücksichtigen? Welche Fragen habt ihr? Was interessiert euch? Wir machen die Ausstellung schließlich nicht für uns, sondern haben immer die Besuchenden im Kopf. Das ist unser Auftrag.