Im Notbetrieb: Rottstraße 5 Theater
Im kir-Interview erklärt Oliver Thomas, Leiter des Rottstraße 5 Theaters in Bochum, warum das renommierte Kleinod der Theaterszene kurz vor dem Aus steht und wie es noch zu retten wäre.

Erzähl mal ein bisschen über das Rottstraße 5 Theater. Wie lange gibt es euch schon und was macht euch im Besonderen aus?
Gegründet haben wir uns 2009 aus einem Kreis von Leuten, die vom Stadttheater kamen und von den Strukturen dort ernüchtert waren. Wir wollten frei agieren und ohne lange Betriebswege Theater machen, auf das wir Lust hatten. Nach ersten Inszenierungen in einer Galerie im Rundbogen einer Bahnbrücke an der Rottstraße 5 wurde dort eine weitere Halle frei – so hatten wir auf einmal ein Theater.

Aufgrund des Ambientes in Hinterhoflage würde man hier eher ein Amateurtheater im besten Sinne erwarten. Bei uns stehen aber nur professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne. Realistisches Theater und die Schauspielkunst an sich stehen dabei im Vordergrund. Das Publikum ist ganz nah am Spielgeschehen und gerät so in den Sog der Geschichten. Diese Unmittelbarkeit und die unverkopfte Art und Weise, Geschichten zu erzählen, zeichnet uns aus. Genauso wie Herzblut und Leidenschaft, die wir in die Inszenierungen stecken. Das spürt auch das Publikum, das sich aus verschiedensten Altersgruppen zusammensetzt. Wir erreichen Leute, die noch nie im Theater waren, genauso wie solche, die sagen: Eigentlich gehe ich nicht mehr ins Theater, aber zu euch komme ich gerne.
Wie sah eure Finanzierung zuletzt aus?
Es ging uns nie so sehr ums Geld. Wir wollten hauptsächlich etwas schaffen, das für das Kulturspektrum von Stadt und Region Wert hat. Nach und nach kamen wir dann an Fördergelder. Ein wesentlicher Schritt war ein Betriebskostenzuschuss durch die Stadt Bochum. Hinzu kamen Projektförderungen, jeweils gebunden an einzelne Projekte und Zeiträume, darunter ein Sponsoring der Stadtwerke Bochum und eine Förderung durch das NRW-Landesbüro für Freie Darstellende Künste. Der größte Posten unserer Finanzierung blieben aber die Publikumseinnahmen durch Eintritte und Getränkeverkäufe. Und obwohl wir massiv unterfinanziert blieben, haben wir mit sehr wenig Geld sehr viel gemacht. Immer mit der Hoffnung, irgendwann eine bessere Förderperspektive von Stadt oder Land zu bekommen, in ähnlicher Dimension wie andere Privattheater in vergleichbarer Größe.

Stattdessen habt ihr nun den Notbetrieb ausgerufen. Was ist passiert?
Die Konzeptionsförderung des NRW-Landesbüros als eine wesentliche Säule der Finanzierung wurde nicht mehr verlängert. Damit fällt das Kartenhaus in sich zusammen. Wir haben in den letzten Jahren schon gespart, wo wir konnten. Die letzte Stellschraube, an der wir drehen können, ist der Spielbetrieb selbst. Wir haben deshalb die etwa 120 Vorstellungen jährlich auf ungefähr ein Drittel reduziert. Das Problem: Dadurch sinken auch die Publikumseinnahmen. Das macht den finanziellen Schaden umso größer. So können wir das Theater nicht mehr weiterführen. Aber noch möchten wir nicht aufgeben. Dieses Jahr versuchen wir den Spielbetrieb noch aufrecht zu erhalten, damit die Politik Zeit hat, das Problem zu lösen.
Welche finanziellen Folgen hat das konkret für die Mitwirkenden?
Durch den Notbetrieb fallen Honorarzahlungen für die Künstlerinnen und Künstler weg. Unsere Technikleute, die sonst ebenfalls auf Honorarbasis arbeiten, machen viel auf ehrenamtlicher Basis. Und wir, das restliche Leitungsteam, arbeiten nun auf Minijob-Niveau.

Wie symptomatisch ist eure aktuelle Lage deiner Einschätzung nach für die freie Theaterszene in NRW?
An unserem Sonderfall wird ein Fehler in der Fördersystematik des Landes deutlich. In den frühen 2000er-Jahren gab es bundesweit den Trend, zunehmend auf kurzfristige projektbezogene Förderung zu setzen und kaum noch auf institutionelle Förderung, bei der eine Institution an sich dauerhaft unterstützt wird – und nicht nur bezogen auf das einzelne Projekt. Man wollte so mehr Dynamik und Handlungsspielraum in den Theaterbetrieb kriegen und gerade auch die freie Szene fördern – also insbesondere kleine Gruppen ohne feste Räume, oft aus dem studentischen Kontext, die sich temporär als Künstlerkollektive zusammentun.
Diese Projektförderung ist aber nicht für alle Akteure sinnvoll und erst recht nicht nachhaltig. Viele Länder sind deshalb zur institutionellen Förderung zurückgekehrt. NRW dagegen hat eine Hybridlösung gewählt, zugeschnitten auf die freie Szene. Man durchläuft ein Dreistufenmodell mehrjähriger Projektförderung. Wir haben zweimal die erste Stufe dieser Förderung jeweils über je drei Jahre erhalten. Dass sie nicht mehr verlängert wurde, liegt daran, dass wir nicht in diese Förderlogik passen. Als Off-Theater mit festem Spielort und festen Akteuren gehören wir nicht zur freien Szene. Wir bräuchten eine institutionelle Förderung. Das Paradoxe: Vom Land gibt es die – wenn überhaupt – nur noch dann, wenn man das Dreistufenmodell durchlaufen hat, für das wir aus formalen Gründen nicht geeignet sind.

Kann man euch denn irgendwie unterstützen?
Seit wir mit dem Notbetrieb an die Öffentlichkeit gegangen sind, werden wir immer wieder gefragt, ob uns Spenden helfen. Für dieses Jahr auf jeden Fall. Denn selbst der Notbetrieb ist nicht gesichert. Wir retten uns von Monat zu Monat. Längerfristig sind Spenden aber nicht die Lösung eines Problems, das auf Förderebene gelöst werden müsste. Wenn das bis zum nächsten Jahr nicht passiert, müssen wir schweren Herzens den Betrieb einstellen. Aber noch geben wir die Hoffnung nicht auf. Es ist ja nicht viel, was wir bräuchten. Mit jährlich 100.000 Euro zusätzlich zu den 42.000 Euro Betriebskostenzuschuss durch die Stadt könnten wir in den normalen Spielbetrieb zurückkehren. Und wir brauchen nicht viel. Durch unsere effiziente Struktur und Arbeitsweise kommen wir mit der Hälfte von dem aus, was vergleichbare Institutionen erhalten.
Davon würden alle profitieren. Die Künstlerinnen und Künstler, unser Publikum und nicht zuletzt Stadt und Land.