Literatur "to go": Die Ralf-Rothmann-Wege in Oberhausen

In Oberhausen-Sterkrade liegt die Literatur auf der Straße. Zwischen Zechensiedlung, Halde, Fußballfeld, Kneipe und Kiosk entführt “Overhausen” mit den Ralf-Rothmann-Wegen auf Hörreisen durch diverse Romane des Autors Ralf Rothmann. Die dritte und letzte Audiotour, die durch Leben, Werk und persönliche Ruhrgebietsgeschichte des mehrfach ausgezeichneten Literaten führt, ist jetzt hör- und erlebbar.

Drei Ralf-Rothmann-Wege hat das Kollektiv “Die Spielkinder” dem Autor gewidmet. Die vier Geschwister der Künstlerfamilie Beckmann – Maja, Lina, Nils und Till – machen, so schreiben sie auf ihrer Homepage, “worauf wir Lust haben und suchen (sich) Leute, die das auch so sehen”. Die “Herzensangelegenheiten”, die sie gemeinsam umsetzen, sind dabei meist tief im Ruhrgebiet verwurzelt. So wie viele Rothmann-Romane, die teil-autobiografisch das Leben und die Welt des Ruhrgebiets der 1960er und 1970er Jahre reflektieren und fühlen lassen. Wohl deshalb ziehen sich Rothmann-Adaptionen in Form von Lese-Revuen, Theaterinszenierungen oder Film-Drehbüchern durch das Schaffen der Beckmanns. Das “Overhausen”-Projekt lässt die Menschen dabei quasi zwischen die Romanseiten spazieren, auf den Spuren von Racko Fetzer, desinfizierten Pantoffelspießern und dem ersten Schultag. Auch so ein Herzensprojekt.

Mit Handy und Kopfhörer durch die Romane

2022 feierte der erste Hörspaziergang mit Texten aus Kindheit und Jugend Premiere. Die Spielkinder, verstärkt durch Jennifer Ewert und Charly Hübner, sprachen dafür Textpassagen aus Rothmann-Romanen wie “Junges Licht” und “Milch und Kohle” ein. Dabei sind die Clips nicht einfach Lesehappen, sie sind Hörspiel und erlebte Literatur. Eine Tür mitten hinein in die Geschichten. Sechs Hörstationen gibt es. Zwischen Schule, Kneipe und Zechensiedlung am Tackenberg spazieren die Rothmann-Touristinnen und Touristen durch Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet. Alles, was für die Hörreise nötig ist, sind ein Smartphone mit Scanner und ein Kopfhörer. An jeder Station hängt ein QR-Code, über den man die zum Ort gehörige Textpassage aufrufen kann. Und den Weg zur nächsten Station erklären die “Spielkinder” netterweise auch gleich. Die erste Tour dauert knapp 70 Minuten.

Route zwei befasst sich mit der Jugend und ersten Schritten aus dem Literatur-Kosmos Rothmanns. Seit 2023 sind die sechs Hörstationen erlebbar. Auf den Spuren der Romanfiguren begeben sich die Hörerinnen und Hörer auf die Suche nach Identität, Ausbruch aus dem kleinkarierten Milieu und nach Freiheit der Jugend im Ruhrgebiet der 1970er Jahre. Auch diese Tour dauert knapp 70 Minuten.

Mit der dritten Tour „Allerseelen“ ist Overhausen komplett. Vier Stunden Zeit sollte man sich schon nehmen, um zwischen dem Bahnhof Oberhausen Sterkrade und dem Gipfel der Halde Haniel, vorbei an Schrebergärten und deplatziert wirkenden Heidelandschaften die Heldinnen und Helden aus den Romanen “Wäldernacht”, “Flieh, mein Freund”, “Im Frühling sterben” und “Die Nacht unterm Schnee” kennenzulernen. Man sitzt mit beim Optiker, besucht die traditionsreiche Fronleichnamskirmes, kehrt auf einem Friedhof in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurück und schwitzt in Stollen tief unter der Erde.

Partner des Audiowalk-Projekts sind das Literaturbüro Ruhr und das Literaturhaus Oberhausen.

Ralf Rothmann

Ralf Rothmann wurde am 10. Mai 1953 im norddeutschen Schleswig geboren, zog aber als Kind mit den Eltern nach Oberhausen. Seine Kindheit verbrachte er im Ruhrgebiet. Seine ersten Romane beschäftigen sich mit den Erfahrungen, dem Arbeitermilieu und dem Leben im Ruhrgebiet zu dieser Zeit. Der Roman “Junges Licht” wurde von Adolf Winkelmann verfilmt, Till und Nils Beckmann schrieben am Drehbuch mit. Rothmann wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Thomas-Mann-Preis (2023), dem Kleist-Preis (2017), dem Friedrich-Hölderlin-Preis (2013) und dem Literaturpreis Ruhr (1996). Rothmann lebt in Berlin.