Literatur-Oasen: readymade − Buchhandel neu gedacht

Für Lukas Hermann ist der Buchladen readymade, den er an der Bochumer Straße in Gelsenkirchen-Ückendorf betreibt, zugleich auch Experimentierfeld.

Es ist kein großes Sortiment, das Lukas Hermann im Buchladen readymade an der Bochumer Straße in Gelsenkirchen-Ückendorf vorrätig hat. Auch wenn alle lieferbaren Titel regulär bestellt werden können, stehen im Laden nur ausgewählte Bücher zu je einem bestimmten Themenschwerpunkt. Zwischen Juli und September 2026 lautet der: Abtauchen. Großzügig auf die Holzregale verteilt, wenden die Bücher (Be-)Suchenden das Cover, nicht den Rücken zu. „Ich möchte, dass die Menschen immer wieder kommen, um sich auf die neu präsentierten Bücher einzulassen“, erklärt Lukas. „Ich bin nicht der Typ, der dogmatisch versucht, bestimmte Bücher zu empfehlen und zu sagen: Das musst du unbedingt lesen.“

Startpunkt: Halbe Stunde Lesen

Stattdessen bietet er Anlässe, um Gäste ihre eigene Leseneugier entwickeln zu lassen. So auch durch außergewöhnliche Formate wie „Halbe Stunde Lesen“: Jeden Montagabend liest entweder Lukas selbst etwas vor, was ihn gerade beschäftigt, oder Autorinnen und Autoren lesen eigene Texte sowie Fremdtexte. Mit diesem Format fing es an. „Ich hatte nicht unbedingt vor, einen Buchladen zu gründen“, erzählt Lukas Hermann, der aus Gelsenkirchen stammt und nach einem Studium der Literaturwissenschaft in Bonn sowie der Promotion und einigen Jahren Uni-Karriere in seine Heimatstadt zurückkehrte.

 „Ich wollte etwas beitragen, das mit Büchern und Literatur zu tun hat.“ Da lag ein Buchladen eben nah. Zumal Lukas neben Studium und Promotion für Verlage und in Buchhandlungen gearbeitet hat und so bereits eine buchhändlerische Grunderfahrung sowie Wissen um Verlage, den Großhandel und den Buchmarkt im Allgemeinen mitbrachte.

Begegnungsstätte und Experimentierfeld

„Ich wollte, dass readymade organisch entsteht, orientiert an den Bedarfen der Menschen aus dem Viertel“, beschreibt Lukas seinen Grundansatz. Diese Bedarfe traf er offenbar gut. Gleich zur ersten Ausgabe von „Halbe Stunde Lesen“ Mitte September 2023, damals noch in einem leeren Ladenlokal ohne Bücher, waren etwa 20 Leute da – und die Lokalzeit. Also machte Lukas weiter und baute parallel die Buchhandlung auf, die 2024 eröffnete und später umzog in die aktuellen Räume. Mittlerweile ist „Halbe Stunde Lesen“ längst eine feste Institution im Stadtteil. Zum Veranstaltungsrepertoire gehört auch einen Lesekreis, bei dem Interessierte einmal im Monat über gemeinsam gelesene Texte sprechen. 

Dass manche Gäste auch mal eine ganze Weile nicht kommen, ist für Lukas verständlich: „Nicht alle haben die Kapazitäten, sich dauernd mit Literatur und Kultur zu beschäftigen. Es braucht aber feste Räume und Formate, damit sie jederzeit herkommen können.“ Der Bücherverkauf ist für Lukas nur ein Aspekt von vielen. „Ich sehe readymade als Begegnungsstätte und Experimentierfeld. Ein Raum, in dem ich Ideen entwickeln kann für Veranstaltungen, Kooperationen, Diskussions- und Publikationsformate.“ 

IrgendDorf

Mittlerweile hat readymade räumlichen Zuwachs bekommen. Gemeinsam mit der Künstlerin und Psychologin Alma Gildenast betreibt Lukas das Ladenlokal neben der Buchhandlung als IrgendDorf. Sie organisieren dort Workshops oder auch mal ein „KI-Dorf“. Zudem nutzen Initiativen aus der Nachbarschaft wie das Mädchenzentrum den Raum. Im Herbst wird das IrgendDorf zum Festivalzentrum der Szeniale – dem Freie-Künste-Festival des Kreativ.Quartiers Ückendorf, zu dem auch der Buchladen gehört. Wer den Raum nutzen möchte, zahlt nur eine geringe Miete. Keine von Lukas’ Initiativen ist primär gewinnorientiert. „Es geht mir darum, Strukturen zu schaffen. Wenn sie erst einmal aufgebaut sind, gibt es immer auch Menschen, die Interesse haben, dass sie bestehen bleiben. Dann finden wir gemeinsam Wege, sie zu finanzieren.“

Spannende Publikationsprojekte

Auf diese offene und undogmatische Art, mit der Lukas in die Welt und auf den Literaturbetrieb blickt, sind seit Gründung von readymade auch Publikationsprojekte entstanden. Eins davon ist Brache – eine Zeitschrift für neue Literatur aus dem Ruhrgebiet, die er mit den Autorinnen Esra Canpalat und Julienne De Muirier realisiert (siehe dazu auch das kir-Interview).

Ein anderes Beispiel ist das Label sirren, über das Lukas nun zwei erste Buchprojekte verlegt: Am 29. August erscheint „Der Tag von oben“ mit Texten und Bildern von Sophia Merwald, die auf ihre Zeit als Writer in Residence 2025 in Gelsenkirchen zurückgehen – präsentiert wird das Buch im Gelsenkirchener Jahnbad. Wahrscheinlich im November debütiert Autor:in und Spoken Word Poet:in Miedya Mahmod mit dem Lyrikband „Aus hingehaltener Zunge“ – die Buchpräsentation findet voraussichtlich in Berlin statt. „Die Hauptaufgabe von readymade ist es, Leben in die direkte Umgebung zu bringen und Verbindungen in die Nachbarschaft zu ermöglichen“, sagt Lukas Hermann. „Die Brache wiederum funktioniert ruhrgebietsweit hervorragend. sirren kann über diesen Kontext noch hinausgreifen.“ So erhöht Lukas den Wirkungsbereich seiner Arbeit weit über das Ruhrgebiet – und macht zugleich im lokalen Kontext so vieles möglich.