Arbeiterklasse und Intelligenz im Dortmunder U
Sachsen meets Ruhrgebiet – industriegeschichtlich gesehen. Mit künstlerischen Mitteln schlägt die Schau “Robotron” des Hartware Medienkunstvereins im Dortmunder U eine Brücke zwischen Industrie- und Technikhistorie beider Regionen.

Robotron – der Name stand in der DDR für den Aufbruch in die technologisierte Welt. Der volkseigene Betrieb war zu seinen Glanzzeiten das größte Industriekombinat der DDR und ihr größter Computerhersteller. Informationstechnologie made in DDR. 1989 arbeiteten 68.000 Menschen für das Kombinat.1990 folgte die Auflösung, die Treuhand übernahm. Einzelne Betriebsteile und Know-how gingen quasi in den “Ausverkauf” und fanden sich später bei IBM Deutschland, SAP oder Siemens Nixdorf wieder. Steckt sich in der Geschichte des Überflüssigwerdens eine Parallele zur Entwicklung im Ruhrgebiet?
Kooperation mit Leipzig
Der Hartware Medienkunstverein (Dortmund) nähert sich diesem Teil der deutsch-deutschen Industriegeschichte nun gemeinsam mit der GfZK – Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig künstlerisch. In Leipzig war die Schau bereits mit einem etwas anderen Schwerpunkt zu sehen. Unter dem Titel “Robotron −Arbeiterklasse und Intelligenz” gastiert die nun vom 14. März bis zum 26. Juli im Dortmunder U.

20 Künstlerinnen und Künstler zeigen in ihren Werken, wie die Technisierung und die wirtschaftlichen Impulse, die Robotron setzte, in die Gesellschaft hineinwirkten. Sie verarbeiten Hoffnungen, Entwicklungen, Enttäuschungen. Und sie regen Vergleiche an zwischen Sachsen und dem Ruhrgebiet. Dafür nähern sich die Werke dem Thema aus ost- und aus westdeutscher Sicht.
Unterschiedliche Blickwinkel
“Die Ausstellung behandelt ein im Westen relativ unbekannt gebliebenes Kapitel ostdeutscher Industriegeschichte − und deshalb ist es mir wichtig, diese Ausstellung speziell auch im Ruhrgebiet zu zeigen”, erklärt Dr. Inke Arns, Direktorin des HMKV, und fügt hinzu: “Mir ist natürlich klar, dass das Ende der Schwerindustrie im Ruhrgebiet andere Gründe hatte als in der ehemaligen DDR. Ich denke aber, dass die Erfahrungen, die die Menschen damit gemacht haben, ganz ähnliche sind. Dies zeigte sich auch in den vielen Gesprächen, die wir in Leipzig führen konnten, und ich bin gespannt, wie die Reaktionen in Dortmund sein werden.”

Die Ausstellung im Dortmunder U erzählt keine lineare Technikgeschichte und ist keine kulturhistorische Schau. Stattdessen sind Fotografien, Videos, skulpturale Arbeiten, Zeichnungen, Ölgemälde und Installationen zu sehen, die interpretiert werden wollen.
Arbeiterklasse und Intelligenz
Ausgangspunkt der künstlerischen Auseinandersetzung ist das fast 14 Meter breite, monumentale Wandgemälde “Arbeiterklasse und Intelligenz” von Werner Tübke aus dem Jahr 1973, das in der Universität Leipzig fest installiert ist. Das im Auftrag der SED entstandene Gemälde zeigt unter anderem den Leiter des Rechenzentrums der damaligen Karl-Marx-Universität oder die Bauarbeiter, die das Gebäude errichtet hatten – sowie einen R 300 Großrechner von Robotron. Es sollte versinnbildlichen, wie Arbeiterklasse und “Intelligenzia” im Sozialismus zusammenfinden. Im Dortmunder U ist eine fünf Meter breite Vorstudie (Tempera auf Leinwand) des monumentalen Wandgemäldes zu sehen, die nur sehr selten öffentlich gezeigt wird. Hieraus leitet sich auch der Untertitel der Ausstellung ab.

Ebenfalls zu sehen: die Arbeit “Operation ZWIEBELMUSTER” der Künstlerin Antye Guenther. Sie stilisiert ein Meissener Kaffeeservice zum geheimen Datenspeicher und verknüpft so Baupläne eines 1-Megabit-Chips mit dem traditionellen blau-weißen Meissener Zwiebelmuster. Dahinter steht eine wahre Geschichte: In den 1980er Jahren verkauften Toshiba-Manager Informationen über Computer-Chips an die Stasi. Sie sollen dafür unter anderem mit Meissener Porzellan bezahlt worden sein.

Den Arbeitsalltag in der Mikroelektronik halten Marion Wenzel und Helga Paris fest: Reinräume, Pendlerinnen und Pendler, Messetrubel – und die oft unsichtbaren Frauen an den Maschinen. Sie rückt Irma Markulin mit perforierten Porträts ins Zentrum. Auch Ramona Schacht und Luca Bublik erzählen von weiblich geprägter Halbleiterproduktion – darunter polnische Arbeiterinnen, die täglich über die Oder pendelten. Und Nadja Buttendorf entwirft eine alternative Zukunft: Was wäre gewesen, wenn Robotron und Siemens sich tatsächlich auf Augenhöhe zusammengeschlossen hätten?
Begleitet wird die Ausstellung von einem vielschichtigen Veranstaltungsprogramm, das zu öffentlichen Führungen, einer Katalogvorstellung, (Artist-)Talks, Lesungen, Workshops und Yoga einlädt.