Kokerei und Kaufhaus: neue Spielorte für das Schauspiel Dortmund
Das Schauspiel Dortmund muss wegen Baumaßnahmen zur „Jungen Bühne“ ausziehen und nutzt neue Orte für kommende Inszenierungen. Das bringt Herausforderungen mit sich – birgt aber auch jede Menge Potenzial.

Die Hürden, vor denen Intendantin Julia Wissert und ihr Team im Vorfeld zur Inszenierung von „Die Dreigroschenoper“ stehen, die am 4. Juni 2026 Premiere feiert, sind nicht nur künstlerischer, sondern vielfach pragmatischer Natur. Gibt es genügend Steckdosen? Ist der Strom stark genug? Wie entwickelt man das Bühnenbild für einen Raum, in dem nicht in Boden oder Decke gebohrt werden darf? Wo können Garderoben- und Maskenräume untergebracht werden? Das Schauspiel Dortmund inszeniert dieses Stück nämlich nicht in den eigenen Räumen, sondern aufgrund von Baumaßnahmen im Salzlager der stillgelegten Kokerei Hansa.
Außergewöhnliche Spielorte
„Das Salzlager ist ein fantastischer Ort für Theater“, schwärmt Julia Wissert über die Räumlichkeiten, die 2024 erst als Veranstaltungshalle eröffnet wurden. „Es gleicht aber eher einem Festival-Spielort. Bis auf den Caterer stammt die gesamte Infrastruktur von uns.“

Außergewöhnliche Spielorte an sich sind für Julia Wissert nichts Neues. Gleich zu Beginn ihrer Intendanz 2020 bespielte sie mit dem Projekt „2170 – Was wird die Stadt gewesen sein, in der wir leben werden?“ den Dortmunder Hauptbahnhof sowie den Platz dahinter. „Solche Inszenierungen kann man sich vorstellen, als würde man mit einer 82-köpfigen WG ausziehen und während des Auszugs noch eine große Party mit Kostümen schmeißen – leider noch ohne neue Wohnung“, erklärt sie lachend.
Inspirierende Räume
Neben Aufwand birgt dieser Ansatz viel Inspiration. Dass die Wahl auf das Stück „Die Dreigroschenoper“ fiel, das daran erinnert, dass wir noch heute in einer Klassengesellschaft leben, hat stark mit dem Ort zu tun.

Genauso wie die Entscheidung für die nachfolgende Inszenierung in Waschkaue und Kompressorenhalle der Kokerei: „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ als Stück, in dem es um den Arbeitskampf und die Ausuferungen des Kapitalismus geht.
Neue Publika erreichen
Aus Erfahrung weiß Intendantin Julia Wissert: Nicht nur für ihr Team bieten Orte außerhalb des Theaters besondere Erfahrungen – auch für die Zuschauerinnen und Zuschauer ist der Tapetenwechsel spannend. Zudem erreicht das Schauspiel Dortmund damit neue Publika, die sonst vielleicht noch nie im Theater waren: „An einem Ort, an dem man am Sonntagnachmittag nach der Fahrradtour ohnehin einen Kaffee trinken gehen würde, sind die Hemmschwellen ins Theater zu gehen oder auch einfach nur bei einer Probe vorbeizuschauen viel geringer.“
Andere Formen performativer Kunst
2027 wird es örtlich spannend bleiben. Dann nämlich rückt das Schauspiel wieder ins Zentrum der Stadt und bespielt dort das ehemalige C & A-Gebäude. Auch das nicht ohne Herausforderungen: „Wir werden dort zum Beispiel im Vergleich zum Theater eine sehr geringe Deckenhöhe haben“, erklärt Julia Wissert. „Damit haben wir viele Möglichkeiten des Theaters gar nicht mehr zur Verfügung. Darin liegt aber zugleich das große Potenzial des Ortes. Wir können immersiv arbeiten oder mit anderen Formen der performativen Kunst, die im klassischen Theaterbau nicht oder viel schwieriger umzusetzen wären. Darauf freue ich mich sehr.“

Geplant ist ein offener Ort für Aufführungen, Workshops und Begegnungen, ein Treffpunkt für die Stadtgesellschaft. Und ganz sicher wird es nicht das letzte Mal sein, dass das Team des Schauspiels Dortmund Stücke an ungewöhnlichen Orten inszeniert.
Wegweisender Neubau
Immerhin dauert es noch bis voraussichtlich 2030, bis die neue Spielstätte der Jungen Bühne fertiggestellt ist. Der Bau am Theaterkarree wird das Kinder- und Jugendtheater und die Junge Oper unter einem Dach vereinen – und das sowohl baulich als auch inhaltlich auf innovative Weise. Barrierefrei, inklusiv, offen für immersive Konzepte soll das Haus sein. Das künftige Publikum durfte ebenfalls Wünsche einbringen, und so wird es zum Beispiel auch einen „singenden“ Aufzug und eine Riesenrutsche im Foyer geben. Mehr als 93 Millionen Euro wird der Neubau voraussichtlich kosten.