Die Demilitarisierung der Ästhetik
Europa rüstet auf – und das Lehmbruck Museum zeigt die friedvollen Skulpturen, die Flaka Haliti aus vormals militärisch genutzten Materialien fertigt. Die Ausstellung aus der Reihe „Sculpture 21st“ ist noch bis zum 8. März 2026 in Duisburg zu sehen.

© Flaka Haliti
Unter dem Titel „Sculpture 21st” präsentiert das Lehmbruck Museum in Duisburg seit 2014, anlässlich des 50. Jubiläums des Museums, wechselnde Positionen zur zeitgenössischen Skulptur. Einige der wichtigsten Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart – unter ihnen Tino Sehgal, Jeppe Hein, Julian Opie, Mona Hatoum, Shirin Neshat und zuletzt Peter Kogler – stellten in der ikonischen Glashalle des Museums ihre Werke aus und zeigten, wie sie die Skulptur im 21. Jahrhundert neu definieren. Die Grenzen der Bildhauerei werden dabei immer wieder neu verhandelt, überschritten oder auch gänzlich aufgelöst.
Jetzt ist die 1982 in Prishtina (Kosovo) geborene Künstlerin Flaka Haliti mit einer eigenen Schau an der Friedrich-Wilhelm-Straße zu Gast. Sie zählt zu den profiliertesten und eigenwilligsten Bildhauerinnen ihrer Generation und hat in den zurückliegenden Jahren eine unverwechselbare Bildsprache entwickelt, die aus dem reichen Formenrepertoire der Skulptur, der Fotografie, der Architektur und der Installationskunst schöpft. Mit großer Imaginationskraft wählt sie Materialien – oft aus unserer Alltagswelt – aus und fügt sie mit scheinbarer Leichtigkeit zu neuen Inszenierungen zusammen.
Ästhetik und Kriegsführung
Den Höhepunkt der Ausstellung bildet eine Neuproduktion der Künstlerin: Fenster eines ehemaligen Militärhangars der KFOR (Kosovo Force) werden in silbern schimmernde Stahl- und Aluminiumkonstruktionen gefasst und erheben sich zu überlebensgroßen Lichtskulpturen im Raum. Heute ist ebendieser ehemalige Militärstandort der Sitz der Kulturinstitution Autostrada Biennale Hangar. Damit fungieren die Werke als ein Sinnbild für Veränderung: Sie erinnern an die jüngste Vergangenheit, die bis in die Gegenwart hineinwirkt. Auch wenn sich ihr militärischer Ursprung erst nach und nach erschließt, ist er deutlich spürbar. Die Künstlerin transformiert das Material und verwandelt es in etwas Neues, das viele Bedeutungen in sich trägt.

Foto: Fabian Strauch
Auch in ihrer Werkreihe “Its urgency got lost in reverse (while being in constant delay)“ (zu Deutsch: „Ihre Dringlichkeit ging im Rückwärtsgang verloren (während sie sich in ständiger Verzögerung befand)“) widmet sich Haliti den bis heute anhaltendenden Spannungsverhältnissen in ihrer Heimat Kosovo. Erneut nutzt sie Überreste aufgegebener Militärlager der KFOR und verwandelt sie in farbenfrohe Skulpturen. Dem Müßiggang frönend scheinen sich zwei Roboter an ihren eigentlichen Zweck nicht zu erinnern. Nur das Material selbst, unter greller Farbe getarnt, verweist auf seine militärische Vergangenheit – nun jedoch in freundlicher, humorvoller Form. In einem scheinbar virtuellen Raum platziert, eröffnen die Skulpturen Momente der Leichtigkeit. Schimmernde Flügel, die an Engelsdarstellungen der Renaissance erinnern, verstärken das Bild und eröffnen gleichzeitig einen Moment der Hoffnung. Haliti stellt die Verbindung zwischen Ästhetik und Kriegsführung her und übt Kritik an dem globalen Narrativ von Macht und Dominanz. Geprägt von der ständigen Präsenz militärischer Ästhetik in ihrer Heimat Kosovo, stellen die Werke von Flaka Haliti dieser einen transformierten Entwurf gegenüber. Es entstand der von der Künstlerin geprägte Begriff der „demilitarisation of aesthetics“ (dt.: Demilitarisierung der Ästhetik).

Foto: Eike Walkenhorst
Die Künstlerin und ihr Wirken
Flaka Haliti stellt die Auswirkungen von Vertreibung, Migration und geopolitischer Abschottung ins Zentrum ihrer Kunst. Sie entwirft dabei eine visuelle Sprache, die militärische Strukturen hinterfragt und in eine entmilitarisierte künstlerische Schönheit überführt. Mit ihrem Debüt auf der Biennale in Venedig hat Flaka Haliti 2015 als bedeutende Vertreterin einer jungen Generation von Künstlerinnen und Künstlern internationale Bekanntheit erlangt. Durch ihre Teilnahme an der Biennale, auf der sie ihr Heimatland Kosovo vertrat, ist ihr Werk mit einer der höchsten Auszeichnungen im Bereich der bildenden Kunst gewürdigt worden.