Utopie 2: Das Theater als Möglichkeitsraum
Das Theater an der Ruhr in Mülheim geht mit der Einteilung der Spielzeiten in je drei Theaterinseln seit 2023 ungewöhnliche Wege. Auch die gerade begonnene Insel "Utopie 2" eröffnet dem Publikum facettenreiche Kulturerlebnisse.

Was wäre, wenn jede Theaterspielzeit ein Meer wäre, in dem es Inseln gäbe, auf denen wir entdecken, erleben, einander begegnen könnten? Was nach Utopie klingt, ist im Mülheimer Theater an der Ruhr Programm. Seit 2023 lädt es in jeder Spielzeit zu drei konzentrierten Theaterereignissen ein, die alle unter dem einem übergreifenden Thema stehen: 2023/2024 hießen die Spielinseln Rausch 1, Rausch 2, Rausch 3, 2024/2025 Geheimnis 1 bis Geheimnis 3. Dieser Tage nun beginnt nach Utopie 1 eine zweite Spielinsel zum Thema Utopie. Mit den Inseln beschreitet das Theater einen radikalen, in Deutschlands Theaterlandschaft völlig neuen Weg.
Weiße Nächte als Keimzelle
Die Idee dazu entstand aus der praktischen Erfahrung, wie Constanze Fröhlich, Dramaturgin und Mitglied des künstlerischen Programmteams, zu berichten weiß: “Es gab am Theater an der Ruhr schon lange die Tradition der ‘Weißen Nächte’ – ein Open-Air-Wochenende zum Spielzeit-Ende. Während der Corona-Pandemie weiteten wir das Format aus: Unter dem Titel ‘Retour Natur’ luden wir gleich an vier Wochenenden zu Theater, Konzerten, Audio Walks und Gesprächsformaten in den Raffelbergpark ein.”
Mehrwert noch über das Theatererlebnis hinaus
Das Sommer-Open-Air-Format fand Zuspruch. Gleichzeitig entstand der Wunsch, Themen stärker zu vertiefen und auch das übrige Programm zu verdichten. Die Idee der Spielinseln war geboren. “Wir möchten für das Publikum Mehrwert über das Theatererlebnis hinaus schaffen”, erläutert Constanze Fröhlich. “So hat man am Theaterabend etwa die Möglichkeit, zusätzlich eine Ausstellung zu sehen, einen Diskursbeitrag zu hören, ein Konzert mitzunehmen – und sich so noch stärker dem Thema anzunähern, das auf der Bühne verhandelt wurde.”

Ciullis ungebrochene Schaffenskraft
Entsprechend facettenreich ist das Programm von "Utopie 2". Theatergründer Roberto Ciulli, der in dieser Spielinsel 92 Jahre alt wird und über eine ungebrochene Schaffenskraft verfügt, bringt gleich zwei neue Arbeiten ein. Mit “Wir Nietzsche” kam zum Auftakt ein Stück über den tragisch missverstandenen Denker zur Uraufführung, dessen Denken auch heute noch in die Zukunft weist (weitere Termine im Februar, März und April). In Vorbereitung auf die Inszenierung von Peter Handkes “Über die Dörfer” (14. März) reiste Ciulli eigens nach Paris, um dort mit Handke zu sprechen.
Jede Menge Theater
Auch das Theaterkollektiv Anagoor steuert zum wiederholten Mal ein Stück zum Programm bei. “Wie Küsse, wie Schnee. Die Zukunft vorbereiten.” widmet sich den Lobgesängen von Hildegard von Bingen und damit der Ansicht, dass in unserem Kosmos alles mit allem verbunden und unser Handeln nicht egal ist. Auch das Theaterfoyer wird zur Bühne. Hier zeigt das Theater an mehreren Abenden “Das Band. Freundschaft als Lebensform” – eine Sammlung verschiedener Texte und Reflexionen zum Thema – und “Kein Ort. Nirgends.”, basierend auf der gleichnamigen Novelle, in der Christa Wolf den Dichter Heinrich von Kleist und die Dichterin Karoline von Günderrode zusammentreffen lässt – zwei Menschen, die beide ihrer Zeit fremd geblieben sind.

Spannende Gäste
Gleich zwei bekannte Autoren sind für eine Kombination aus Lesung und Gespräch im Theater an der Ruhr zu Besuch: am 15. März Navid Kermani mit seinem neuen Roman “Sommer 24”, am 25. März Frank Schätzing mit seinem aktuellen Buch “Was, wenn wir einfach die Welt retten?”
Rahmenprogramm inbegriffen
Besonders schön: Das Rahmenprogramm ist im jeweiligen Ticket-Preis inbegriffen. So etwa ein literarisch-musikalischer Abend für Mascha Kaléko, virtuelle und immersive Kunst-Installationen oder der “Salon zum feministischen Kampftag” in Kooperation mit dem Projekt FrauenOrte NRW am 8. März. Begleitend zu den Spielinseln zeigt das Kunstmuseum Mülheim eine Ausstellung zum Thema Utopie, kuratiert aus dem Bestand des Museums. So gibt Utopie 2 insgesamt Anlass, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. “Utopien sind wichtiger denn je”, betont Constanze Fröhlich. “Wir möchten mit dieser Spielzeit auch zeigen: Es ist gar nicht so abwegig, Utopien zu haben.”